Estetrol im Überblick

Estetrol ist ein Vertreter der weiblichen Sexualhormone (Östrogene).1


Was ist Estetrol?

Estetrol gehört zu den Östrogenen und somit zu den C18-Steroidhormonen, deren Grundgerüst auf 18 Kohlenstoffatomen basiert.1 Die Struktur von Estetrol unterscheidet sich von den anderen natürlichen Östrogenen wie Estron, Estradiol und Estriol durch das Vorhandensein einer zusätzlichen α-Hydroxylgruppe an Position 15 des Moleküls (Abb. 1).2

Strukturformel von Estetrol

Abbildung 1: Strukturformel von Estetrol.

Wann wird Estetrol gebildet?

Gebildet wird Estetrol nur während der Schwangerschaft.3 Das Enzym, welches für die Bildung von Estetrol aus 15-OH-DHEAS verantwortlich ist, wird nur in der neonatalen Leber des Feten exprimiert. Es handelt sich dabei um die 15-Hydroxylase.4

Estetrol wird durch die Plazenta in den Blutkreislauf der Mutter aufgenommen und ist ab der neunten Schwangerschaftswoche im Blutserum der Mutter nachweisbar.4 Das Estetrol-Level steigt dann kontinuierlich bis zum Ende der Schwangerschaft auf ca. 1 ng/ml an.5 Da der Estetrolwert jedoch große individuelle Variationen aufweist, ist eine Aussage über die Gesundheit des Feten durch die Estetrolwertbestimmung umstritten.5 Nach der Geburt verliert die neonatale Leber schnell die Fähigkeit, Estetrol zu synthetisieren.4

Was sind die Funktionen von Estetrol?

Die Funktionen, welche Estetrol während der Schwangerschaft ausübt, sind bisher unbekannt. Estetrol verfügt nur über eine geringe Affinität zu Östrogenrezeptoren. Die spezifischen Wirkungen von Estetrol, im Vergleich zu anderen Östrogenen im Blutkreislauf der Mutter, konnten bisher ebenfalls nicht identifiziert werden.2

Kann Estetrol in der Hormonersatztherapie zum Einsatz kommen?

In vorklinischen und klinischen Studien mit postmenopausalen Frauen, die unter östrogenmangelinduzierten Wechseljahresbeschwerden leiden, wurde die Wirksamkeit von Estetrol in der Hormonersatztherapie untersucht. In diesen Studien konnten vielversprechende Ergebnisse über die Wirkung von Estetrol bei einer Vielzahl klimakterischer Symptome erzielt werden.5

So konnte gezeigt werden, dass Estetrol potentiell das Auftreten von Hitzewallungen unterdrücken und den Knochenabbau hemmen kann. Außerdem wirkt Estetrol stimulierend auf die Proliferation des Vaginalepitheliums ein und könnte so östrogenmangelbedingten atrophischen Veränderungen des Urogenitaltraktes entgegenwirken.5  

Im Vergleich zu anderen Östrogenen zeigte Estetrol in klinischen Studien eine auffallend geringe Wirkung auf die Produktion von Gerinnungs- und Fibrinolysefaktoren durch die Leber. Deswegen könnte eine Estetroltherapie ohne Einfluss auf das Risiko für venöse Thromboembolien sein.6 Allerdings fehlen dazu epidemiologische oder klinische Daten.

Jedoch induziert Estetrol ebenfalls eine vermehrte Proliferation des Endometriums. Dieser Effekt ist zwar schwächer im Vergleich zu Estradiol, führt aber in höheren Dosierungen zu einem gesteigerten Risiko für die Entstehung von Endometriumkarzinomen bei einer Estetroltherapie.2,5

Auch als Kontrazeptivum konnten vielversprechende Ergebnisse erzielt werden. So wirkt Estetrol negativ auf die Ausschüttung des Gonadotropin-Releasing-Hormons (GnRH) durch den Hypothalamus ein. Dadurch wird der sprunghafte Anstieg des luteinisierenden Hormons (LH) durch die Hypophyse unterdrückt, welches im weiblichen Zyklus die Ovulation induziert.5

  • 1.

    Aktories, K., Förstermann, U., Hofmann, F.B., Starke, K. (2005). Allgemeine und spezielle Pharmakologie und Toxikologie. Elsevier GmbH, Urban & Fischer Verlag, 9. Auflage.

  • 2.

    Coelingh Bennink H. J., et al. (2016, Sep). Clinical effects of the fetal estrogen estetrol in a multiple-rising-dose study in postmenopausal women. Maturitas, 91, pp. 93-100.

  • 3.

    Norman, A. W., Henry, H. L. (1997). Hormones. Academic Press, 2. Auflage.

  • 4.

    Smith, R. (2001). The Endocrinology of Parturtition. Karger.

  • 5.

    Visser, M., Coelingh Bennink, H. J. (2009, Mar). Clinical Applications for Estetrol. J Steroid Biochem Mol Biol., 114 (1-2), pp. 85-9.

  • 6.

    Gérard, C., et al. (2015, Jan). Estetrol is a weak estrogen antagonizing estradiol-dependent mammary gland proliferation. J Endocrinol. 224 (1), pp. 85-95.