Welche Ursachen liegen einem Testosteronmangel zugrunde?

Einem Testosteronmangel kann ein primärer, sekundärer oder altersbedingter Hypogonadismus zugrunde liegen. In den meisten Fällen ist er erworben, kann aber auch genetisch bedingt sein.


Männlicher Hypogonadismus/Testosteronmangel

Ein Testosteronmangel wird durch eine hormonale Unterfunktion der Hoden, dem männlichen Hypogonadismus, verursacht. Bei der Entstehung eines Hypogonadismus spielen verschiedene Faktoren eine Rolle – beispielsweise genetische Defekte, Erkrankungen, Medikamente oder der Lebensstil.

Es gibt verschiedene Formen eines Hypogonadismus

Testosteronmangel kann genetisch bedingt sein, weitaus häufiger sind jedoch erworbene Formen des Hypogonadismus. Insbesondere bei Männern über 45 Jahren (Abb. 1), mit Übergewicht, Diabetes Typ 2 oder metabolischem Syndrom, wovon 20–40 % der Männer betroffen sind, werden häufig niedrige Testosteronwerte festgestellt.1,2,3,4,5 Darüber hinaus wird von der Hälfte der Männer über 40 Jahre eine erektile Dysfunktion in mehr oder weniger stark ausgeprägter Form angegeben.6 Der Zusammenhang von Hypogonadismus, erektiler Dysfunktion und metabolischem Syndrom findet zunehmend Beachtung.7,8,33

Primärer Hypogonadismus

Der primäre Hypogonadismus beruht auf einer Dysfunktion der Hoden selbst, er manifestiert sich vor allem durch eine mangelhafte Testosteronproduktion und Spermiogenese. Da die Rückkopplung zum Hypothalamus und zur Hypophyse fehlt, kommt es zu erhöhten Spiegeln des luteinisierenden Hormons (LH) und follikelstimulierenden Hormons (FSH). Als Ursachen für eine primäre Hodeninsuffizienz oder einen hypergonadotropen Hypogonadismus können genetische Defekte oder Entwicklungsstörungen infrage kommen (z. B. das Klinefelter-Syndrom9 ), oder er ist die Folge erworbener Ursachen (z. B. virale Orchitis, schwere Formen einer Varikozele10,11).

Das Klinefelter-Syndrom, die häufigste kongenitale Form des primären Hypogonadismus, tritt bei männlichen Neugeborenen mit einer Prävalenz von 0,1–0,2 % auf.9,12 Die betroffenen Jungen tragen ein zusätzliches X-Chromosom (XXY), das zu den klassischen Zeichen wie zu kleinen Hoden, Infertilität infolge der beeinträchtigten Spermiogenese, geringer Körperbehaarung, Hochwuchs und Gynäkomastie führt. Aufgrund der hohen Variabilität der klinischen Ausprägung und von Mosaikformen kann sich die Erkrankung jedoch untypisch oder inkonsistent darstellen.9 Ein Klinefelter-Syndrom ist mit Hypogonadismus, abdominaler Adipositas, metabolischem Syndrom und Typ-2-Diabetes assoziiert.13,14

Sekundärer Hypogonadismus

Bei dem sekundären Hypogonadismus liegt die Störung in der dem Hoden übergeordneten hormonellen Regulation und zeigt sich in einer verminderten Stimulation potenziell normaler Hoden. Er ist charakterisiert durch Gonadotropinspiegel, die in Relation zum vorliegenden Testosteronspiegel zu niedrig sind oder im unteren Normbereich liegen, sowie durch eine verminderte Spermiogenese.15 Der hypogonadotrope Hypogonadismus kann angeborene (z. B. Kallmann-Syndrom) oder erworbene (z. B. Hypophysenadenom) Gründe haben.10,11

Altersbedingter Hypogonadismus

In den meisten Fällen ist ein erst im Erwachsenenalter diagnostizierter Hypogonadismus16 erworben und steht in Beziehung zu metabolischem Syndrom und Adipositas17,18, chronischen Erkrankungen, Lebensstilfaktoren und Arzneitherapie19. Wenngleich die Ursache des altersbedingten Hypogonadismus nicht definitiv geklärt ist, scheint nach neueren Erkenntnissen zunächst eine Schädigung der Hodenfunktion vorzuliegen, die durch einen LH-Anstieg teilweise kompensiert wird.20 Bei Übergewicht wird dies jedoch überlagert durch eine Störung der übergeordneten hypothalamisch-hypophysären Regulation, die nicht zu kompensieren ist.20 Weitere mögliche Ursachen für einen Testosteronmangel bei älteren Männern sind chronische Krankheiten (z. B. Immunschwäche-Syndrom (AIDS), Sichelzellanämie, Leberzirrhose oder Niereninsuffizienz21,22,23), Medikamente (z. B. Ketonazol, Glukokortikoide, Opioide, Spironolacton, Östrogene, Gestagene, GnRH-Analoga, Cimetidin, Phenytoin, Carbamazepin und Flutamid24,5 sowie der Tyrosinkinasehemmer Crizotinib25), Veränderungen bei der Konzentration des zirkulierenden SHBG, Umweltfaktoren (z. B. Tabak- und Alkoholkonsum) und hypothalamisch-hypophysäre Veränderungen20,22.

Aufgrund der variablen klinischen Ausprägung sowie der geringen Spezifität der Anzeichen und Symptome eines Testosteronmangels, kann der männliche (Alters-)Hypogonadismus einer Diagnose und Behandlung entgehen.26 Zu diesen Anzeichen und Symptomen gehören depressive Verstimmungen, Müdigkeit oder nachlassende Ausdauer, Verlust der Muskelmasse und der Muskelkraft sowie die Zunahme der viszeralen Fetteinlagerung.27,28,33

Altersspezifische Prävalenz des Hypogonadismus

Abbildung 1: Altersspezifische Prävalenz des Hypogonadismus (Gesamttestosteron < 3 ng/ml) bei Männern über 45 Jahre, die einen ambulanten Termin vor allem bei Allgemeinärzten und Internisten wahrnehmen (modifiziert nach Mulligan et al. 2006 2).

Weitere Ursachen für einen Testosteronmangel

Neben einer Reihe angeborener, chromosomaler und erworbener Syndrome wurden verschiedene kombinierte oder – immer noch – schlecht definierte Krankheitsursachen mit einem Testosteronmangel in Verbindung gebracht (Tab. 1).

Dazu gehören Hypothyreoidismus oder das Prader-Willi-Syndrom, aber auch seltene Erkrankungen wie die Hämochromatose. Zudem sind Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen, chronisch-obstruktive Lungenerkrankungen, rheumatoide Arthritis und chronische Nierenerkrankungen häufig mit Testosteronmangel verbunden29, außerdem wurde der Zusammenhang von Übergewicht, metabolischem Syndrom, Typ-2-Diabetes und Testosteronmangel vielfach bestätigt30. Ein männlicher Hypogonadismus tritt zudem bei HIV und AIDS vermehrt auf.31

Tabelle 1: Hauptursachen des männlichen Hypogonadismus (modifiziert nach Bagatell et al. 1996 32 und Nieschlag et al. 2004 11)

Primärer Hypogonadismus Sekundärer Hypogonadismus Primär, sekundär oder kombiniert
Klinefelter-Syndrom (47, XXY und Varianten) Kallmann-Syndrom (kongenitaler GnRH-Mangel) Urämie
Myotone Dystrophie Hypophysentumoren Schwere systemische Erkrankungen
Kryptorchismus Supraselläre Tumoren Berufliche Exposition
Nach Orchitis Hämochromatose Leberzirrhose
Hodentrauma, Bestrahlung Hypothalamische oder hypophysäre Läsionen Sichelzellanämie
Chemotherapie bei Krebs Hypothyreose HIV/Aids
Mangelernährung Prader-Willi-Syndrom Medikamente
Extreme Adipositas Alter

GnRH = Gonadotropin-Releasing-Hormon.

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