Estriol im Überblick

Estriol gehört zu den Östrogenen und somit zu den C18-Steroidhormonen, deren Grundgerüst auf 18 Kohlenstoffatomen basiert (Abb. 1).1


Wo wird Estriol gebildet?

Estriol wird hauptsächlich während der Schwangerschaft in der Plazenta synthetisiert und wird deswegen auch häufig als Schwangerschaftsöstrogen bezeichnet.2 Zudem wird es in geringen Mengen in der Leber, den Ovarien und der Nebennierenrinde gebildet.3

Strukturformel von Estriol

Abbildung 1: Strukturformel von Estriol.

Wie wird die Bildung von Estriol reguliert?

Estriol gilt als Abbauprodukt der Östrogene Estradiol und Estron. Estriol kann jedoch durch die Aromatase auch direkt aus Dehydroepiandrosteron (DHEA) gebildet werden. Während einer Schwangerschaft erfolgt die Estriolsynthese der Plazenta aus vom Fötus gebildeten Vorstufen. Dabei wird Dehydroepiandrosteronsulfat (DHEAS) aus der fetalen Nebenniere in der Leber zu 16-Hydroxy-DHEAS umgewandelt. In der Plazenta wird es schließlich durch die Aktivität zweier Enzyme, der Sulfatase und der Aromatase, in Estriol umgewandelt und in den Blutkreislauf der Mutter aufgenommen. Es kommt von der achten Schwangerschaftswoche bis kurz vor der Geburt zu einem kontinuierlichen Anstieg des Estriols.4

Durch eine Serum- oder Urinprobe der Mutter können Rückschlüsse auf den Estriol-Hormonspiegel und so auch auf den Gesundheitszustand des Fötus gezogen werden.5 Verminderte Estriol-Serumwerte im zweiten Schwangerschaftsdrittel wurden als Hinweis auf Neuralrohrdefekte oder Aneuploidien wie der Trisomie 21 (Down-Syndrom) gewertet.9 Diese Methode ist aber durch moderne Techniken der pränatalen Diagnostik in den Hintergrund getreten.

Estriol ist aber auch ein Eliminationsprodukt des Estradiols. Es wird durch eine Hydroxylierung am D-Ring in 16α-Position des Estradiols oder durch Reduktion von 16α-Hydroxyestron gebildet.6

Was ist der Wirkungsmechanismus von Estriol?

Im Blut werden 90 % des Estriols von Albumin und lediglich 1 % des Estriols vom sexualhormonbindenden Globulin gebunden.6

Wie Estradiol wirkt Estriol über die Bindung an Östrogenrezeptoren. Östrogenrezeptoren sind im inaktiven Zustand im Zytoplasma der Zellen lokalisiert und an Hitzeschockproteine gebunden. Die Bindung von Estriol führt zu einer Konformationsänderung und der Freisetzung des Hitzeschockproteins. Der Hormon-Rezeptor-Komplex wandert dann in den Zellkern und kann in Form von Dimeren, also zwei Hormon-Rezeptor-Komplexen, an sogenannte „estrogen-responsive elements“ binden. Durch die Rekrutierung weiterer koregulatorischer Proteine kann im nächsten Schritt die Expression von Zielgenen reguliert werden.1

Estriol ist im Vergleich zu Estradiol ein schwaches Östrogen, weil es über eine geringe Affinität zum Östrogenrezeptor verfügt.7 Im Gegensatz zu Estradiol ist die negative Rückkopplung von Estriol auf die Hypothalamus-Hypophysen-Achse nicht besonders ausgeprägt.6

Estriol kann aber auch östrogenrezeptorunabhängige Wirkungen ausüben. So kann es an Membranrezeptoren binden und den Einstrom von Calcium in die glatte Muskulatur der Arterien und eine Gefäßdilatation bewirken.6

Was sind die Normwerte von Estriol?

Bei nicht schwangeren fertilen Frauen beträgt die Estriolkonzentration im Blutserum durchschnittlich 50 ng/l.10 Estriol wird hauptsächlich während der Schwangerschaft produziert und steigt ab der 8. Schwangerschaftswoche kontinuierlich an. Während im Blutserum der Mutter in der 21. Schwangerschaftswoche 1,3–3,25 μg/l Estriol nachgewiesen werden können, steigt die Konzentration in der 40. Woche auf 6,1–20,1 μg/l an (Tab. 1).8

Tabelle 1: Normwerte von Estriol

Normwerte Estriol
Nicht schwangere fertile Frauen 50 ng/l
Frauen (21. Schwangerschaftswoche) 1,3–3,25 μg/l
Frauen (40. Schwangerschaftswoche) 6,1–20,1 μg/l
  • 1.

    Aktories, K., Förstermann, U., Hofmann, F.B., Starke, K. (2005). Allgemeine und spezielle Pharmakologie und Toxikologie. Elsevier GmbH, Urban & Fischer Verlag, 9. Auflage.

  • 2.

    Dean, C. (2005). Hormone Balance. Adams Media.

  • 3.

    Schneider, H., Husslein, P., Schneider, K. T. M. (2000). Geburtshilfe. Springer Verlag.

  • 4.

    Pedain. C., Garcia, J. H. (2003). Fallbuch Gynäkologie und Geburtshilfe. Georg Thieme Verlag.

  • 5.

    Carroll, G. (2010). Problem-based Physiology. Saunders Elsevier Verlag.

  • 6.

    OeKolp® Wissenschaftliche Broschüre (2015). DR. KADE / BESINS, 4. Auflage.

  • 7.

    Leidenberger, F. A., Strowitzki, T., Ortmann, O. (2014). Klinische Endokrinologie für Frauenärzte. Springer Verlag, 5. Auflage.

  • 8.

    Gressner, A. M., Arndt, T. (2013). Lexikon der Medizinischen Laboratoriumsdiagnostik. Springer Verlag, 2. Auflage.

  • 9.

    Haddow, J. E., et al. (1992). Prenatal screening for Down's syndrome with use of maternal serum markers. N Engl J Med 327:588-93.

  • 10.

    Gao, W. L., et al. (2015). Measurement of serum estrogen and estrogen metabolites in pre- and postmenopausal women with osteoarthritis using high-performance liquid chromatography-electrospray ionization-tandem mass spectrometry. Braz J Med Biol Res 48:146-53.