Hintergrund/Zielsetzung
Die Anwendung einer Testosteronersatztherapie (TRT) bei Männern unter aktiver Überwachung (AS) von Prostatakrebs (PCa) galt lange als kontraindiziert. Neuere Studien haben jedoch zu einem Paradigmenwechsel in diesem Bereich beigetragen. Aktuell sollten die Auswirkungen der TRT auf die PSA-Dynamik – ob die Werte steigen, fallen oder stabil bleiben – und die Progression in Prostatabiopsien bei Männern mit niedrigem Testosteronspiegel unter AS untersucht werden.
Patienten und Methoden
In der retrospektiven Einzelzentrumstudie wurden Männer mit Testosteronmangel untersucht, die sich zwischen 2009 und 2023 aufgrund eines niedrig-risiko Prostatakarzinoms für eine aktive Überwachung entschieden und gleichzeitig mindestens ein Jahr lang eine Testosteronersatztherapie (TRT) erhielten. Geeignete Patienten, die in das aktive Überwachungsprogramm aufgenommen wurden, wiesen ein sehr niedriges oder niedriges Risiko für Prostatakrebs auf. Die aktive Überwachung beinhaltete ein PSA-Screening alle 6 Monate mit wiederholten Biopsien und/oder multiparametrischer MRT (mpMRT) alle 1 bis 2 Jahre.
Ein niedriger Testosteronspiegel wurde definiert, wenn der Gesamt-Testosteronspiegel unter 300 ng/dl oder freies Testosteronspiegel unter 5 pg/ml lag. Der Testosteronmangel wurde mit entsprechenden Symptomen bestätigt: Müdigkeit, Muskelabbau, Anämie, verminderte Libido, Erektionsstörungen, depressive Verstimmung und/oder Konzentrationsschwierigkeiten. Patienten, die zuvor eine medizinische oder chirurgische Behandlung wegen Prostatakrebs erhalten hatten, wurden ausgeschlossen.
PSA- und Testosteronwerte wurden ein Jahr vor und nach Beginn der Testosterontherapie in regelmäßigen Abständen erfasst und die Varianz der PSA- und Testosteronwerte mittels ANOVA analysiert. Zusätzlich sind gepaarte t-Tests und lineare Regressionsanalysen durchgeführt worden.
Ergebnisse
Insgesamt 43 Männer erfüllten die Einschlusskriterien, sie wurden mindestens zwölf Monate lang nachbeobachtet. Das mediane Alter bei der PCa-Diagnose lag bei 62,2 (58,4–67,6) Jahren. Der mediane (IQR) Testosteronwert vor Beginn der Testosterontherapie betrug 272 (221,5–333,5) ng/dl und nach der Therapie 578,5 (354,5–846,5) ng/dl (p <0,01). Es wurde keine signifikante Veränderung des mittleren PSA-Werts beobachtet (p=0,87). Von 27 Patienten lagen Ausgangsbiopsien vor, die in maximal drei Stanzen einen Gleason-Score von 3+3=6 zeigten. Fünfzehn (55,6%) Patienten unterzogen sich nach Beginn der Testosterontherapie einer oder mehreren Kontrollbiopsien. Bei 80% von ihnen zeigte sich in Biopsien über einen mittleren Zeitraum von 44,3 Monaten unter Testosterontherapie keine Krankheitsprogression. Drei Patienten (20%) wiesen nach einem mittleren Zeitraum von 79,5 Monaten unter Testosterontherapie einen Gleason-Score von 7 in der Biopsie auf. Bei keinem Patienten traten Metastasen auf.
Die TRT wurde initial bei 19 Männern (44,2%) als topisches Gel, bei 21 Männern (48,8%) als intramuskuläre Injektion und bei drei Männern (7,0%) durch subkutane Pelletimplantation verabreicht. Die mittlere Nachbeobachtungszeit betrug 73,1 Monate (SD=52,6) und die mittlere Behandlungsdauer mit TRT 66,36 Monate (SD=51,48).
Die Testosterontherapie führte nicht zu statistisch signifikanten Veränderungen des PSA-Wertes. Die pathologischen Veränderungen waren nicht eindeutig, aber die verfügbaren Biopsiedaten zeigten keinen erkennbaren Anstieg der Prostatakrebsprogression oder eine Verschlechterung der Erkrankung in der Studienkohorte.
Zu den Stärken der Studie zählen das longitudinale Follow-up-Studiendesign und die Anwendung verschiedener statistischer Analysemethoden. Zu den Schwächen gehören das retrospektive Studiendesign, die geringe Stichprobengröße und das Fehlen einer Kontrollgruppe.
Schlussfolgerung
- Bei Männern mit niedrigem Testosteronspiegel wurde nach einem Jahr Testosteronersatztherapie (TRT) keine signifikante Veränderung des PSA-Werts beobachtet, trotz eines signifikanten Anstiegs des Testosteronspiegels.
- Histologische Untersuchung der Befunde zeigte eine geringe Progressionsrate der Erkrankung, selbst nach mehrjähriger TRT.
- Die Ergebnisse zeigen, dass TRT eine sichere und wirksame Option für symptomatische Männer mit niedrigem Testosteronspiegel unter aktiver Überwachung (AS) bei Prostatakrebs sein kann.
Literatur:
Applewhite J, et al. 2025. Testosterone replacement therapy in men on active surveillance for prostate cancer. J Sex Med 22(3):432-438, doi: 10.1093/jsxmed/qdaf003.