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Hintergrund
Mit zunehmendem Alter sinkt bei Männern der zirkulierende Testosteronspiegel (T), der zirkulierende SHBG (Sexual-Hormon-bindendes Globulin)-Spiegel steigt und auch das Frakturrisiko steigt. Eine Testosteronbehandlung verbessert bei hypogonadalen Männern die Knochenmineraldichte (BMD). Neuere Testosteron-Studien (T-Studien) haben gezeigt, dass eine Testosteronbehandlung mit einem Gel über ein Jahr die volumetrische Knochendichte und die geschätzte Knochenstärke bei älteren Männern mit niedrigem Testosteronspiegel erhöhte. Es ist noch nicht geklärt, ob zirkulierendes T an sich, unabhängig von Komorbiditäten, mit dem Frakturrisiko bei Männern assoziiert ist. In dieser Studie sollten die Zusammenhänge zwischen T, SHBG und Frakturen bei Männern mittleren bis höheren Alter, sowie die unabhängige Rolle dieser Hormone bei der Vorhersage von Frakturen, unter Berücksichtigung linearer als auch nichtlinearer Zusammenhänge untersucht werden.
Patienten und Methoden
Von 2006 bis 2010 wurden im Rahmen einer prospektiven Kohortenstudie der britischen Biobank über 500.000 Personen rekrutiert. Die Analysekohorte umfasste 205.973 Teilnehmer in einem Alter zu Studienbeginn von 37 bis 73 Jahren (Median=58 Jahre). Die Nachbeobachtungsdauer betrug 13,6 Jahre (12,9 bis 14,3 Jahre) für alle Frakturen. Während der Nachuntersuchung erlitten 11.088 Männer (5,0%) eine Fraktur an einer beliebigen Knochenstelle (1.680 Hüftfrakturen und 1.366 Fälle von Unterarmfrakturen). Diejenigen, die während der Nachuntersuchung eine Hüftfraktur erlitten, waren etwas älter (medianes Alter=63 Jahre) als diejenigen, mit einer Unterarmfraktur (medianes Alter=57 Jahre). Die medianen T-Konzentrationen im Blut betrugen 11,6 nmol/l und SHBG-Spiegel lag bei 36,9 nmol/l. Sie waren jedoch höher bei den Männern, die nachfolgend Frakturen erlitten.
Assoziationen mit Testosteron
T-Analysen ohne Berücksichtigung von SHBG
Die geschätzten HR für alle Frakturen und Hüftfrakturen, die für Alter, Zeitpunkt der Blutentnahme und Region zu Studienbeginn kontrolliert wurden, zeigten nichtlineare Assoziationen mit dem T-Ausgangswert. Sie waren im Vergleich zum Referenzwert im Median des fünften Quintils (Q5; 16,7 nmol/l) niedriger (HR <1) und im zweiten Quintil am niedrigsten (Q2, 9,9 nmol/l). Es gab keine statistisch signifikanten Assoziationen für T mit dem Risiko für Unterarmfrakturen. Beim Vergleich Quintile von T unter Verwendung des Modells, das für FRAX- und Komorbiditäts-bezogene Prädiktoren angepasst wurde, gab es eine nicht-lineare Assoziation von T mit Hüftfrakturen, aber nicht mit Unterarmfrakturen, mit dem niedrigsten Risiko im zweiten Quintil (Q2, HR, 95%, KI Q2 vs. Q5 Hüftfraktur 0,76, 0,66–0,87; Unterarmfraktur 0,97, 0,83–1,13).
T-Analysen mit SHBG adjustiert
Für Frakturen an allen untersuchten Knochenstellen ergab die anschließende Adjustierung auf Basis-SHBG erhöhte Schätzungen des Frakturrisikos für Männer mit Testosteronkonzentrationen unter dem Q5-Median, wobei das höchste Risiko für Männer mit den niedrigsten Testosteronkonzentrationen bestand.
SHBG-Assoziationen
Ein niedriger SHBG-Spiegel war stark mit einem geringen Frakturrisiko an allen untersuchten Knochenstellen verbunden. Dieser Zusammenhang blieb auch nach Anpassung für zirkulierendes T bestehen. Das spiegelte sich in einem höheren absoluten 10-Jahres-Risiko unter Berücksichtigung des konkurrierenden Sterberisikos für jegliche Hüft- und Unterarmfrakturen für Männer im Quintil 5 (2,88%, 0,33% bzw. 0,47%) im Vergleich zu Männern im Quintil 1 (2,10%, 0,18% bzw. 0,30%) der SHBG wider. Die anschließende Anpassung des Basis-T hatte keine wesentlichen Auswirkungen auf die Trends.
Zusammenfassung
Die Studienergebnisse zeigen, dass ein niedriger zirkulierendes SHBG bei Männern deutlich mit einem geringen Frakturrisiko verbunden ist. Die Zusammenhänge zwischen zirkulierendem T und dem Frakturrisiko waren schwächer, nicht-linear und wurden bei Hüftfrakturen, nicht aber bei Unterarmfrakturen festgestellt. Wichtig ist zu bemerken, dass die Zusammenhänge zwischen T und dem Frakturrisiko die Richtung änderten und in Modellen, die SHBG berücksichtigen (mittels SHBG-Anpassung oder Verwendung von fT), verstärkt wurden, während die Zusammenhänge zwischen SHBG gegenüber einer zusätzlichen Anpassung für T stabil blieben.
Diese Erkenntnisse könnten zu besserem Verständnis der Bedeutung von Sexualhormonen in der Knochengesundheit bei Männern beitragen und künftige Strategien für die Prävention von Knochenbrüchen beeinflussen.
Fazit
Für T, ohne Berücksichtigung von SHBG, bestand eine nicht-lineare Assoziation mit Hüftfrakturen, nicht jedoch mit Unterarmfrakturen, das niedrigste Risiko lag im zweiten Quintil. In Modellen, die für SHBG adjustiert oder mit berechnetem freiem Testosteron berechnet wurden, war ein niedrigerer Testosteronspiegel jedoch mit einem höheren Frakturrisiko an allen untersuchten Knochenstellen assoziiert.
Bei der Beurteilung des Frakturrisikos bei Männern sollten sowohl Testosteron als auch SHBG berücksichtigt werden.
Literatur:
Grahnemo L, et al. 2025. Associations of Serum Testosterone and SHBG With Incident Fractures in Middle-aged to Older Men. The Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism Vol. 110, 7:1964–1973.