Gynäkologie, Hormonersatztherapie

Vaginale Estrogentherapie nach Brustkrebs: aktuelle Datenlage zur onkologischen Sicherheit

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Zusammenfassung einer Publikation zur Sicherheit von vaginalem Estrogen bei Patientinnen mit Mammakarzinom.

Veröffentlicht am 29.07.2026

Hintergrund

Gesunde postmenopausale Frauen können einen Hormonmangel mittels menopausaler Hormontherapie (MHT) ausgleichen. Für Patientinnen mit Mammakarzinom (MammaCa) ist dies jedoch nicht ohne Weiteres möglich, denn Hormonrezeptor-positive Karzinome (75% aller Fälle) werden mit dem Ziel einer Estrogensuppression mittels endokriner Therapie behandelt. Diese Therapie mit Tamoxifen und/oder Aromatasehemmern über fünf bis zehn Jahre kann mit verschiedenen Nebenwirkungen einhergehen. Dazu zählen unter anderem urogenitale Beschwerden, die die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen. Diese Beschwerden werden auch urogenitales Menopausensyndrom (GSM) genannt. Bleibt die Frage, ob eine niedrig dosierte vaginale Estrogengabe in Bezug auf ein bestehendes MammaCa sicher ist bzw. welchen Einfluss diese auf Rezidivrisiko, Mortalität und Gesamtüberleben hat.

Methode

In diese systematische Übersichtsarbeit wurden Studien eingeschlossen, die den Zusammenhang zwischen vaginaler Estrogentherapie und Inzidenz, Rezidiv oder Mortalität bei postmenopausalen Frauen mit Brustkrebs untersuchten. Berücksichtigt wurden Publikationen aus den Jahren 2015 bis 2025.

Ergebnisse

Insgesamt wurden Daten aus 29 Studien analysiert. Im Ergebnis zeigte sich unter der Anwendung von niedrig dosiertem vaginalen Estrogen (Gel, Ring, Vaginaltabletten) ein nur minimaler und vorübergehender Anstieg der Serumspiegel, die überwiegend im postmenopausalen Bereich verblieben.  Weder bei Hormonrezeptor-negativen Tumoren oder Hormonrezeptor-positiven Patientinnen unter Tamoxifen zeigte sich ein Anstieg der Brustkrebsinzidenz, des Rezidivrisikos oder der Mortalität. Auch bei Hormonrezeptor-positiven Brustkrebs-Patientinnen unter einer Aromatasehemmer-Therapie war die vaginale Estrogentherapie nicht mit einer erhöhten Mortalität assoziiert. Die Evidenz zum Rezidivrisiko in dieser Patientinnengruppe bleibt jedoch weiterhin nicht eindeutig und sollte differenziert bewertet werden.

Nationale und internationale Empfehlungen

  • Laut S3-Leitlinie zur Peri- und Postmenopause1 sollten zunächst nicht hormonelle Alternativen genutzt werden. Es scheint in der Zweitlinie auch eine vaginale ultraniedrige Dosierung mit Estriol dreimal pro Woche bei Mammakarzinom-Patientinnen mit adjuvanter endokriner Therapie vertretbar. Wichtig ist dabei, dass mögliche Anstiege der Estrogen-Serumkonzentrationen wesentlich von Estrogentyp, Dosierung und Applikationshäufigkeit abhängen. In Deutschland wird zumeist Estriol eingesetzt, zu dem gute Sicherheitsdaten vorliegen. Anzumerken ist, dass die Leitlinie momentan in Überarbeitung ist und es bleibt abzuwarten, ob es hier aufgrund neuer Daten zu Änderungen kommen wird.1
  • Laut AGO (Arbeitsgemeinschaft Gynäkologische Onkologie) ist die lokale vaginale Estrogenanwendung bei HR-positivem oder auch HR-negativen Brustkrebs keine absolute Kontraindikation. Sie sollte aber zurückhaltend und nur nach Ausschöpfung nicht-hormoneller Möglichkeiten und nach individueller Risiko-Nutzen-Analyse eingesetzt werden. Dies gilt insbesondere für Patientinnen unter Aromatasehemmer-Therapie.3 
  • Internationale Fachgesellschaften empfehlen nichthormonelle Therapien wie vaginale Gleitmittel und Feuchtigkeitscremes als Erstlinienbehandlung. Niedrig dosierte vaginale Estrogene gelten als Zweitlinienoption, wenn die Symptome anhalten, wobei die Anwendung individuell angepasst und mit dem Onkologen/Gynäkologen der Patientin besprochen werden sollte, insbesondere bei Frauen, die Aromatasehemmer einnehmen.1
  • Laut American College of Obstetricians and Gynecologists (ACOG) sollte eine vaginale Hormonbehandlung nur dann erwogen werden, wenn nicht-hormonelle Maßnahmen in der Erstlinientherapie keine ausreichende Linderung erzielt haben.Das ACOG empfiehlt die Anwendung nur nach individueller Risiko-Nutzen-Analyse.4 
  • Neuere Daten aus dem SEER-MHOS-Register (Surveillance, Epidemiology, and End Results – Medicare Health Outcomes Survey) des National Cancer Instituts (NCI)5 in den USA mit 18.620 Patientinnen mit Brustkrebs im Alter von über 65 Jahren zeigen in der Gruppe mit lokaler vaginaler Estrogenanwendung einen statistisch signifikanten Anstieg des Gesamtüberlebens (HR = 0,56; p < 0,0001) sowie des brustkrebsspezifischen Überlebens (HR=0,53; p = 0,014).  Eine Subgruppenanalyse mit HR-positivem MammaCa ergab ebenfalls einen statistisch signifikanten Anstieg des Gesamtüberlebens bei vaginaler Estrogenanwendung (HR 0,62; p = 0,0007), jedoch keinen signifikanten Anstieg des brustkrebsspezifischen Überlebens (HR 0,62; p = 0,08). 

Fazit für die Praxis:

Die Ergebnisse dieses Reviews stützen nationale und internationale Leitlinienempfehlungen, wonach niedrig dosiertes vaginales Estrogen eine sichere und effektive Zweitlinien-Option für Brustkrebspatientinnen darstellen kann, wenn nicht-hormonelle Gleitmittel oder Feuchtigkeitscremes keine ausreichende Linderung der GSM-Symptome bewirken. Die Entscheidung sollte individualisiert und in enger Abstimmung mit der Onkologie getroffen werden. 

Die kürzlich erfolgte Entfernung der sogenannten Black-Box-Warnhinweise zur Brustkrebsgefahr auf Präparate zur vaginalen Estrogentherapie durch die US-amerikanische Zulassungsbehörde FDA6 unterstreicht das differenzierte Sicherheitsprofil lokaler Formulierungen im Vergleich zur systemischen Hormonersatztherapie. 

 

Referenzen

  1. Mainar LB, Nieto-Pascual L, Bravo EI, García-Ramos BO, et al. Safety of vaginal estrogen in breast cancer survivors: Current evidence on systemic absorption and oncologic outcomes. Maturitas. 2026;208:108914. doi: 10.1016/j.maturitas.2026.108914. Epub 2026 Mar 12. PMID: 41864136.
  2. S3-Leitlinie Peri- und Postmenopause - Diagnostik und Interventionen Version 1.1 – September 2020, gültig bis 31.12.2024 (in Überarbeitung) AWMF-Registernummer 015-062 (letzter Abruf: 12.05.2026)
  3. Brooks M. Ist vaginales Estrogen bei Frauen nach Brustkrebserkrankung sicher? Siehe https://www.univadis.de/index.php/viewarticle/vaginales-%25C3%2596strogen-frauen-nach-brustkrebserkrankung-2024a1000a8m(letzter Abruf: 12.05.2026)
  4. Treatment of Urogenital Symptoms in Individuals With a History of Estrogen-dependent Breast Cancer: Clinical Consensus. Obstet Gynecol. 2021;138(6):950-960. doi: 10.1097/AOG.0000000000004601. PMID: 34794166. Siehe auch https://www.asco.org/abstracts-presentations/244483 (letzter Abruf: 12.05.2026)
  5. Treatment of Urogenital Symptoms in Individuals With a History of Estrogen-dependent Breast Cancer. American College of Obstetricians and Gynecologists. Last update May 2026. Siehe auch https://www.guidelinecentral.com/guideline/1358607/#section-5014591
  6. Zeeshan F, Saqlain A. FDA's 2025 removal of black box warnings on menopausal hormone therapy. Ann Med Surg (Lond). 2026;88(2):2222-2223. doi: 10.1097/MS9.0000000000004749. siehe auch https://www.hhs.gov/press-room/fact-sheet-fda-initiates-removal-of-black-box-warnings-from-menopausal-hormone-replacement-therapy-products.html (letzter Abruf: 12.05.2026)