Der männliche Testosteronmangel wird in der Hausarztpraxis oft nicht erkannt
Hausärztinnen und Hausärzte sind häufig die erste Anlaufstelle für Männer mit Beschwerden, die durch einen Testosteronmangel verursacht sein können. Dazu zählen sexuelle Symptome wie Libidoverlust und erektile Dysfunktion, aber auch Müdigkeit, depressive Verstimmungen, Konzentrationsprobleme, abnehmende Muskelmasse oder eine Zunahme des viszeralen Fettgewebes.
Ein Testosteronmangel tritt außerdem häufig gemeinsam mit Erkrankungen auf, die in der hausärztlichen Praxis behandelt werden. Beispiele sind Adipositas, Typ-2-Diabetes, das metabolische Syndrom und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Dennoch wird ein Testosteronmangel nach Einschätzung der Autorinnen und Autoren oftmals nicht erkannt oder nicht behandelt.
Vor diesem Hintergrund entwickelte ein internationales multidisziplinäres Expertenpanel zehn praktische Empfehlungen für die Primärversorgung. Für alle zehn Empfehlungen wurde innerhalb des Expertenpanels ein einstimmiger Konsens erzielt. Bei einer anschließenden externen Bewertung erreichten acht der zehn Empfehlungen eine Zustimmung von mindestens 75%.
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Die zehn Empfehlungen der Expertinnen und Experten
1. Hausärztinnen und Hausärzte ideal positioniert, um einen Testosteronmangel zu diagnostizieren und zu behandeln
- Der männliche Testosteronmangel ist häufig und wird zu selten diagnostiziert.
- Ein Testosteronmangel tritt häufig in Verbindung mit Erkrankungen auf, die bereits hausärztlich behandelt werden. Dazu gehören Adipositas, Typ-2-Diabetes und kardiovaskuläre Erkrankungen.
- Eine Behandlung kann die Symptome und die Lebensqualität verbessern.
2. Ein Testosteronmangel wirkt sich negativ auf die allgemeine Gesundheit und die Lebensqualität aus
- Die Symptome eines Testosteronmangels sind gut beschrieben, werden jedoch von Ärztinnen und Ärzten sowie von Patienten immer noch unzureichend erkannt.
- Häufige Symptome sind Libidoverlust, erektile Dysfunktion, Müdigkeit, depressive Verstimmung und „Brain Fog“.
- Zu den klinischen Zeichen gehören verminderte Muskelkraft und Muskelmasseverlust, eine Zunahme von viszeraler Adipositas, Gynäkomastie und eine verminderte Knochendichte.
- Ein Testosteronmangel ist mit einer erhöhten Gesamtmortalität und kardiovaskulären Mortalität assoziiert.
3. Männer mit Symptomen und/oder Anzeichen eines Testosteronmangels in Kombination mit niedrigen Testosteronspiegeln kommen für eine Testosterontherapie infrage
- Die Symptome können sexueller, psychischer oder physischer Natur sein.
- Die spezifischsten sexuellen Symptome sind eine verminderte Libido, erektile Dysfunktion und verminderte morgendliche Erektionen.
- Das klinische Erscheinungsbild kann sehr unterschiedlich sein: Bei einigen Männern stehen sexuelle Symptome im Vordergrund. Bei anderen können psychische oder körperliche Symptome mit nur wenigen oder ohne begleitende sexuelle Symptome vorliegen.
- Wir raten von einer Behandlung bei Männern ab, die lediglich ihren Körperbau oder ihre sportliche Leistungsfähigkeit verbessern wollen.
4. Niedrige Testosteronwerte sind definiert als Gesamttestosteron <12 nmol/l (350 ng/dl) und/oder berechnetes freies Testosteron <225 pmol/l (65 pg/ml)
- Eine morgendliche Bestimmung wird empfohlen.
- Der Befund sollte idealerweise durch eine zweite Messung im Abstand von zwei bis vier Wochen bestätigt werden.
- Männer kommen für eine Behandlung infrage, wenn entweder das Gesamt- oder das freie Testosteron unterhalb des empfohlenen Schwellenwertes liegt.
- Bei der Abklärung eines Testosteronmangels sollten zusätzlich zur Testosteronbestimmung weitere Laboruntersuchungen durchgeführt werden.
- Die empfohlenen weiteren Laborparameter sind:
- sexualhormonbindendes Globulin (SHBG)
- luteinisierendes Hormon (LH)
- follikelstimulierendes Hormon (FSH)
- Prolaktin
- Hämatokrit
- prostataspezifisches Antigen (PSA) bei Männern ab 40 Jahren
- Wir raten davon ab, die von den Laboren angegebenen Referenzbereiche für Gesamt- und freies Testosteron zu verwenden. Diese basieren nicht auf klinischen Daten und unterscheiden sich erheblich zwischen den Laboren.
5. Eine Testosterontherapie verbessert die Stoffwechselgesundheit, das psychische Wohlbefinden, die Sexualfunktion und die Lebensqualität
- Eine Testosterontherapie (TTh) kann bei Männern eine Vielzahl von Symptomen lindern.
- Es ist möglich, dass sich nicht alle Symptome mittels einer TTh bessern.
- Die Libido kann sich innerhalb von vier Wochen erhöhen. Verbesserungen in anderen Bereichen können dagegen sechs bis zwölf Monate benötigen.
- Zu den weiteren gesundheitlichen Vorteilen einer TTh gehören:
- Verringerung der Progression von Prädiabetes zu Typ-2-Diabetes,
- Korrektur einer Anämie,
- Erhöhung der Knochendichte, insbesondere an der Lendenwirbelsäule.
- Für eine angemessene Behandlung einer erektilen Dysfunktion (ED) sind zusätzlich zur TTh häufig PDE-5-Hemmer erforderlich.
- Lebensstilmaßnahmen sind neben der TTh essenziell.
6. Es stehen verschiedene Testosteronpräparate zur Verfügung, die auf die Bedürfnisse der Patienten zugeschnitten werden können
- Zu den verfügbaren Darreichungsformen zählen Injektionen, transdermale Präparate, Pellets und orale Präparate. Jede Darreichungsform weist spezifische Vorteile und Risiken auf.
- Die Wahl der Darreichungsform sollte unter Berücksichtigung der Präferenzen des Patienten im Rahmen einer gemeinsamen Entscheidungsfindung erfolgen.
- Sozioökonomische Faktoren wie Versicherungsschutz, Kosten, Zugang zur Behandlung, Gesundheitskompetenz und Problembewusstsein beeinflussen die Therapiewahl und die Therapieadhärenz.
- Nicht alle Behandlungsformen sind in allen Ländern verfügbar (Anmerkung: In Deutschland sind nur Injektionen und Gele verfügbar).
- Das Risiko einer Erythrozytose ist bei kurzwirksamen Injektionen und Pellets höher und bei oralen sowie transdermalen Präparaten niedriger.
- Für eine erfolgreiche Behandlung werden i. d. R. Gesamttestosteronwerte im mittleren bis oberen Normbereich angestrebt (ca. 17–30 nmol/l bzw. 500–900 ng/dl).
- Eine TTh sollte nicht begonnen werden:
- bei Patienten mit einem Hämatokrit-Ausgangswert über 50 %,
- bei Patienten mit einem PSA-Ausgangswert über 4,0 ng/ml, sofern keine vorherige urologische Abklärung erfolgt ist.
- Alle Testosteronformulierungen können die Fertilität beeinträchtigen.
7. Eine Testosterontherapie erhöht weder das PCa-Risiko noch das Risiko einer Verschlimmerung von Harnwegsbeschwerden
- Die aktuelle Evidenz stützt nicht die historische Annahme, dass eine TTh das Prostatakarzinom (PCa)-Risiko erhöht oder Harnwegsbeschwerden verschlechtert.
- In großen Studien und Metaanalysen wurde kein erhöhtes Risiko für PCa oder eine benigne Prostatahyperplasie (BPH) nachgewiesen.
- Die TRAVERSE-Studie bestätigte vergleichbare Prostataergebnisse unter Testosteron und Placebo.
- Nach Einschätzung des Expertenpanels ist eine routinemäßige digital-rektale Untersuchung im Rahmen der TTh nicht erforderlich.
- Bei Gesamttestosteronwerten < 8,7 nmol/l bzw. 250 ng/dl ist der PSA-Wert aufgrund einer unzureichenden androgenabhängigen Stimulation der PSA-Produktion wahrscheinlich falsch niedrig.
- Bei Männern, deren Testosteron-Ausgangswerte unterhalb dieses Schwellenwertes liegen, kann der PSA-Wert unter einer TTh ansteigen.
- Der PSA-Wert sollte nach 3–4 Monaten ein Plateau erreichen. Dieser Wert sollte anschließend als neuer Ausgangswert für weitere klinische Entscheidungen dienen.
8. Eine Testosterontherapie erhöht nicht das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall oder kardiovaskulären Tod
- Die TRAVERSE-Studie und weitere Studien zeigten unter einer TTh im Vergleich zu Placebo kein erhöhtes kardiovaskuläres (CV) Risiko.
- Die TRAVERSE-Studie und die meisten anderen Studien zeigten unter einer TTh kein erhöhtes Risiko für venöse thromboembolische Ereignisse (VTE).
- Die Gesamtwirkung einer TTh auf das Lipidprofil ist neutral, obwohl das HDL-Cholesterin üblicherweise abnimmt.
- Mehrere randomisierte kontrollierte Studien zeigen, dass eine TTh bei stabiler Herzinsuffizienz ein vorteilhaftes Sicherheitsprofil aufweist.
- Unter einer TTh kann eine Erythrozytose auftreten. Das Risiko unterscheidet sich je nach Darreichungsform. Regelmäßige hämatologische Kontrollen werden empfohlen.
9. Männer unter einer Testosterontherapie müssen regelmäßig kontrolliert werden
- Die Patienten sollten hinsichtlich des symptomatischen Ansprechens überprüft werden. Diese Kontrollen sowie Blutuntersuchungen sollten 3, 6 und 12 Monate nach Therapiebeginn und anschließend mindestens jährlich erfolgen.
- Die mindestens erforderlichen Laboruntersuchungen umfassen: Testosteron, PSA, Hämatokrit bzw. Hämoglobin.
- Der Zeitpunkt der Blutabnahme für die Testosteronbestimmung hängt von der verwendeten Darreichungsform ab:
- innerhalb von 2–6 h nach Anwendung transdermaler Präparate,
- vor der nächsten Injektion, also zum Zeitpunkt des Talspiegels bei Spritzen.
- Steigt der Hämatokrit über 54 %, sollten eine Dosisreduktion, der Wechsel zu einer anderen Applikationsform und/oder eine Blutspende bzw. Aderlass erwogen werden.
10. Bestimmte Patientengruppen und komplexe Fälle sollten fachärztlich überwiesen werden.
- Eine Überweisung an eine Fachärztin oder einen Facharzt (z. B. aus den Fachbereichen Andrologie, Endokrinologie oder Urologie) wird in folgenden Situationen empfohlen:
- Wunsch nach Erhalt der aktuellen oder zukünftigen Fertilität
- Bei einem Gesamttestosteronwert < 5 nmol/l sollten LH, FSH und Prolaktin bestimmt und eine Überweisung zur Endokrinologie erwogen werden
- Persistierend oder deutlich erhöhte Prolaktinwerte
- Schwere benigne Prostatahyperplasie
- PCa in der Vorgeschichte
- PSA-Werte über 4 ng/ml vor oder während der Behandlung
- Typische Testosteronmangelsymptome bei normalen Testosteronwerten
- Anstieg des Hämatokrits auf ≥ 54 % während der Behandlung
- Komplexe oder schwere kardiovaskuläre Erkrankungen
Fazit
Der internationale Expertenkonsensus stellt einen praxisnahen Ansatz für die hausärztliche Versorgung von Männern mit Testosteronmangel vor. Im Mittelpunkt stehen eine kombinierte klinische und laborchemische Diagnostik, eine individuell abgestimmte Behandlung und ein strukturiertes Monitoring.
Besonders wichtig sind drei Punkte:
- Ein Testosteronmangel wird nur bei persistierenden Symptomen bzw. klinischen Anzeichen und wiederholt erniedrigten Testosteronwerten diagnostiziert.
- Unter einer TTh sind regelmäßige Kontrollen von Behandlungserfolg, Testosteron, Hämatokrit bzw. Hämoglobin und PSA erforderlich.
- Bei Kinderwunsch, auffälligen Laborwerten, Prostataerkrankungen oder anderen komplexen Befunden sollte eine fachärztliche Mitbeurteilung erfolgen.
Transparenzhinweis: Die Androgen Society erhielt für das Konsensusprojekt uneingeschränkte Fortbildungszuwendungen von Besins Healthcare und Marius Pharmaceuticals. Nach Angaben der Publikation hatten die Förderer keinen Einfluss auf Konzeption, Durchführung, Auswertung, Berichterstattung oder Erstellung des Manuskripts. Angaben zu möglichen Interessenkonflikten der Autorinnen und Autoren sind der Originalpublikation zu entnehmen.
Link zur Publikation: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/42647144/
Referenz
David J et al. Managing testosterone deficiency in primary care: an international expert consensus. Aging Male. 2026 Dec 31;29(1):2716438.