Welche Rolle spielt Progesteron bei Embryotransfer in Kryozyklen? (Teil 2)

Progesteron bereitet in der ersten Phase einer Schwangerschaft den Uterus auf den Embryo vor, erhöht die Chance auf eine erfolgreiche Einnistung und kann das Risiko für einen frühen Abort senken. Wie der Erkenntnisstand zur optimalen Dauer der Progesteron-Supplementierung aktuell aussieht und wie durch die Messung des Progesteron-Serumspiegels die Geburtenrate in Kryozyklen verbessert werden kann, erfahren Sie hier in Teil 2 des Beitrags.


 

Wann die Indikation für die Progesteron-Substitution im Rahmen des Transfers von aufgetauten Embryonen (engl.: Frozen-thawed Embryo Transfer; FET) angezeigt und wie dabei vorzugehen ist, lesen Sie hier in Teil 1 des Beitrags.

Optimale Dauer der Progesteron-Supplementierung

Die optimale Dauer der Supplementierung vor dem FET (engl. Frozen-thawed Embryo Transfer, Transfer aufgetauter Embryonen) ist nicht eindeutig bestimmt. Einer Pilotstudie mit 66 Frauen von Sharma & Majumdar (2016) zufolge ist eine 3-tägige Supplementierung von Progesteron vor dem FET hinsichtlich der Schwangerschafts- und Implantationsraten einer 4-tägigen Supplementierung überlegen. [1]

Van de Vijver (2016) hingegen konnte in einer ersten randomisierten kontrollierten Studie (RCT) zeigen, dass eine zu kurze Progesterongabe in einem künstlichen FET-Zyklus schädlich sein könnte. So wurden 300 Patientinnen in zwei Gruppen aufgeteilt, wobei Gruppe A über 5 Tage vor der FET vaginal appliziertes Progesteron (3 × 200 mg täglich) erhielt, Gruppe B hingegen nur über 3 Tage.

In Bezug auf die Schwangerschaftsraten unterschieden sich die beiden Gruppen nicht signifikant (p = 0,11), in Gruppe A lag diese bei 27,0 % (37/137) vs. 18,8 % in Gruppe B (26/138).
Bei den frühen Schwangerschaftsverlusten zeigte sich jedoch in der 5-Tages-Gruppe mit 36,2 % (21/58) eine signifikant niedrigere Rate (p = 0,04) im Vergleich zur Rate in der 3-Tages-Gruppe mit 55,2 % (32/58). [2]

Mackens et al. (2017) verweisen darauf, dass die Anzahl der qualitativ hochwertigen RCTs begrenzt ist und zukünftig noch weitere Studien notwendig sind, um evidenzbasierte Empfehlungen für FET-Protokolle auszusprechen. Sie schlagen hinsichtlich des Zeitpunkts des Embryotransfers vor, mit der Progesteroneinnahme am theoretischen Tag der Eizellenentnahme in künstlichen Zyklen zu beginnen. [3]

Verbesserte Geburtenrate durch Messung des Progesteron-Serumspiegels

Die Konzentration des Progesteron-Serumspiegels kann die Schwangerschafts- und Lebendgeburtenrate in Kryozyklen beeinflussen.

Eine Arbeitsgruppe um Cédrin-Durnerin et al. (2019) untersuchte in einer retrospektiven monozentrischen Studie 227 Zyklen mit FET. Zuvor wurde das Endometrium mit vaginalem Estradiol auf eine Dicke von > 7 mm vorbereitet, danach erhielten die Frauen transdermal Estradiol und vaginales Progesteron (3 × 200 mg/Tag) bis zur 10. bis 12. Schwangerschaftswoche.

Die Ergebnisse zeigten, dass Progesteron-Serumspiegel von < 10 ng/ml (37 % der Zyklen) am Tag des Embryotransfers mit einer deutlich niedrigeren Schwangerschaftsrate (34 % vs. 48 %) und Lebendgeburtenrate (17 % vs. 31 %) assoziiert waren, als Progesteron-Werte von > 10 ng/ml am Tag des Embryotransfers (63 % der Zyklen). Um die Schwangerschafts- und Lebendgeburtenrate bei Embryotransfer in Kryozyklen zu verbessern, schlagen die Autoren deshalb die Kontrolle des Progesteron-Serumspiegels vor FET vor. [4]

Allerdings verweisen die Untersuchungen von Kofinas et al. (2015) darauf, dass es ein Maximum bei der Konzentration des Progesteron-Serumspiegels am Transfertag des FET gibt und die Progesteron-Werte < 20 ng/ml liegen sollten. Konzentrationen oberhalb 20 ng/ml waren bei den insgesamt 213 Patientinnen mit einer geringeren Lebendgeburtenrate sowie einer höheren Abortrate assoziiert. [5,6]

Fazit

Das Thema Progesteron bei Embryotransfer in Kryozyklen kann wie folgt zusammengefasst werden:

  • Die optimale Dauer der Supplementierung vor dem FET ist nicht eindeutig bestimmt. Aktuelle Studien zeigen unterschiedliche Ergebnisse zu Einnahme-Regimen vor dem FET, diese variieren zwischen 3 und 5 Tagen. [1,2]
  • Mackens et al. schlagen hinsichtlich des Zeitpunkts des Embryotransfers vor, mit der Progesteroneinnahme am theoretischen Tag der Eizellenentnahme in künstlichen Zyklen zu beginnen. [3]
  • Um die Lutealphase zu unterstützen, wird vor einem FET vaginales Progesteron substituiert. Entscheidend dabei ist unter anderem, wie dick sich das Endometrium ausbildet, dies kann über eine sonografische Messung erfasst werden. Bei Werten < 6 mm ist die Schwangerschaftswahrscheinlichkeit im Rahmen von IVF reduziert. [7] Aus diesem Grund wird eine Dicke von > 7 mm angestrebt. [8]
  • Der Progesteron-Serumspiegel am Tag des Embryotransfers von > 10 ng/ml kann mit einer Dosierung von 600 mg vaginalem Progesteron (3 × 200 mg/Tag) erreicht werden (63 %) und ist mit einer deutlich höheren Schwangerschafts- und Lebendgeburtenrate assoziiert. [4]
  • Konzentrationen oberhalb 20 ng/ml waren mit einer geringeren Lebendgeburtenrate sowie einer höheren Abortrate assoziiert. [5,6]
  • Um die Schwangerschafts- und Lebendgeburtenrate bei Embryotransfer in Kryozyklen zu verbessern, könnte die Kontrolle des Progesteron-Serumspiegels vorher durchgeführt werden und dieser – falls notwendig – entsprechend angepasst werden. [4]

 

Referenzen

[1] Sharma S, Majumdar A. Determining the Optimal Duration of Progesterone Supplementation prior to Transfer of Cryopreserved Embryos and Its Impact on Implantation and Pregnancy Rates: A Pilot Study. Int J Reprod Med 2016; 2016:7.
[2] Van de Vijver A, Polyzos NP, Van Landuyt L et al. What is the optimal duration of progesterone administration before transferring a vitrified-warmed cleavage stage embryo? A randomized controlled trial. Hum Reprod 2016; 31(5):1097-104.
[3] Mackens S, Santos-Ribeiro S, van de Vijver A et al. Frozen embryo transfer: a review on the optimal endometrial preparation and timing. Human reproduction 2017; 32(11):2234-2242.
[4] Cédrin-Durnerin I, Isnard T, Mahdjoub S et al. Serum progesterone concentration and live birth rate in frozen-thawed embryo transfers with hormonally prepared endometrium. Reprod Biomed Online 2019; 38(3):472-480.
[5] Kofinas JD, Blakemore J, McCulloh DH et al. Serum progesterone levels greater than 20 ng/dl on day of embryo transfer are associated with lower live birth and higher pregnancy loss rates. Journal of assisted reproduction and genetics 2015; 32(9):1395-1399.
[6] Kofinas JD, Blakemore J, McCulloh DH et al. Erratum to: Serum progesterone levels greater than 20 ng/ml on day of embryo transfer are associated with lower live birth and higher pregnancy loss rates. Journal of assisted reproduction and genetics 2016; 33(3):431.
[7] Mahajan N, Sharma S. The endometrium in assisted reproductive technology: How thin is thin? J Hum Reprod Sci 2016; 9(1):3-8.
[8] Liu KE, Hartmann M, Hartmann A et al. The impact of a thin endometrial lining on fresh and frozen–thaw IVF outcomes: an analysis of over 40000 embryo transfers. Human Reproduction 2018; 33(10):1883-1888.


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