Welche Langzeiteffekte treten bei oraler Kontrazeption auf?

Kombinierte orale Kontrazeptiva (KOK) können das Risiko für Mamma-, Zervix- und Leberzellkarzinome erhöhen. [1,2] Auch kann ihre Einnahme mit dem Auftreten schwerwiegender Nebenwirkungen, z. B. venösen Thromboembolien, verbunden sein. [2] Verschiedene Studien beschreiben jedoch auch positive Effekte bei der Langzeitanwendung von KOK: So wird beispielsweise die Gesamtmortalität sowie die Inzidenz von Ovarial- und Endometriumkarzinomen nachweislich gesenkt. [3–6]


Geringere Sterblichkeit bei Pillen-Anwenderinnen

In Großbritannien wurde eine großangelegte Untersuchung zu den Auswirkungen der langjährigen Einnahme oraler Kontrazeptiva im Hinblick auf die Mortalität durchgeführt. 1968 startete die Studie mit insgesamt 46.112 teilnehmenden Frauen, die in einem Beobachtungszeitraum von bis zu 39 Jahren entweder für einen gewissen Zeitraum ein orales Kontrazeptivum einnahmen oder vollständig auf dieses verzichteten. Dabei nahm der Großteil der Frauen KOK ein, lediglich 3 % der Präparate waren östrogenfrei. [3]

Die Ergebnisse der Studie: Studienteilnehmerinnen, die zu irgendeiner Zeit orale Kontrazeptiva einnahmen, hatten gegenüber den anderen Teilnehmerinnen, die zu keinem Zeitpunkt orale Kontrazeptiva eingenommen hatten, eine um 12 % geringere Gesamtmortalität. Dabei zeigte sich eine reduzierte Sterblichkeit für bestimmte Krebserkrankungen wie u. a. Kolon- und Rektumkarzinome sowie Uterus- und Ovarialkarzinome. Auch die Todesfälle durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen insgesamt und im speziellen durch koronare Herzkrankheiten waren bei den Frauen mit Pilleneinnahme niedriger. Anhand der Studie ließ sich damit für die Einnahme von oralen Kontrazeptiva im Hinblick auf die Todesfälle ein Rückgang von 0,052 % feststellen. Dies entspricht pro 2.000 Frauen einem Todesfall pro Jahr weniger. Eine Assoziation zwischen der Dauer einer Einnahme von oralen Kontrazeptiva und der Mortalität war in der Studie nicht nachweisbar. [3]

Die Autoren schlossen aus den Ergebnissen, dass das Sterberisiko von Frauen, die orale Kontrazeptiva einnahmen oder einnehmen, langfristig nicht höher ist als bei Frauen, die zu keiner Zeit orale Kontrazeptiva einnahmen. Im Gegenteil: Das Mortalitätsrisiko scheint bei Anwenderinnen von oralen Kontrazeptiva sogar etwas niedriger zu sein. Dies zeigte sich anhand niedrigerer Mortalitätsraten, die durch Todesursachen wie einige Krebserkrankungen und Herz-Kreislauf-Krankheiten verursacht wurden. [3]

Niedrigeres Risiko für Endometriumkarzinome

In Industrieländern ist das Endometriumkarzinom das vierthäufigste Malignom der Frau. [1] Um eine mögliche Assoziation zwischen dem Risiko für Endometriumkarzinome und der Einnahme von KOK zu erfassen, wurden Daten von Patientinnen aus 36 epidemiologischen Studien analysiert. [4] Es wurden insgesamt 27.276 Frauen mit Endometriumkarzinom (mittleres Alter: 63 Jahre) und 115.743 Kontrollen in die Studie eingeschlossen. Etwa ein Drittel der Frauen aus den beiden Studienarmen hatte KOK eingenommen. Dabei zeigten sich in Bezug auf die KOK-Einnahme folgende protektive Effekte: [4]

  • Je länger die Frauen KOK einnahmen, desto niedriger war das Risiko für die Entwicklung eines Endometriumkarzinoms: Im Durchschnitt sank mit jedem Fünfjahresintervall das relative Risiko (RR) ein Endometriumkarzinom zu entwickeln um 24 % (RR 0,76; 95%-KI 0,73–0,78).
  • Eine KOK-Einnahme von 10 bis 15 Jahren reduzierte das RR mit 48 % weiter auf die Hälfte (RR 0,52; 95%-KI 0,48–0,54).
  • Die Einnahme von KOK für ≥ 5 Jahre reduziert langfristig (etwa für 30 Jahre) das Risiko ein Endometriumkarzinom zu entwickeln bis zum 75. Lebensjahr.
  • Das absolute Endometriumkarzinom-Risiko sinkt nach 5-jähriger Einnahme von 2,3 auf 1,7 pro 100 Frauen, nach 10 Jahren auf 1,3 und nach 15 Jahren auf 1,0 pro 100 Frauen.


Die Ergebnisse der Studie hatten auch Bestand bei einer Stratifizierung der Frauen nach u. a. Alter, Body-Mass-Index, Anzahl der Schwangerschaften, Menarchealter und Menopausenstatus. Die Autoren schlussfolgerten, dass die Einnahme von KOK einen Langzeitschutz gegen Endometriumkarzinom mit sich bringt. Die Ergebnisse der Studie liefern Hinweise darauf, dass sich in Industrieländern in den Jahren 1965 bis 2014 ca. 400.000 Endometriumkarzinom-Fälle bis zum Alter von 75 Jahren verhindern ließen. Davon traten 200.000 Fälle zwischen den Jahren 2005 und 2014 auf. [4]

Reduziertes Risiko bei Ovarialkarzinomen

In Bezug auf Ovarialkarzinome zeigte sich ebenfalls ein protektiver Effekt einer Einnahme oraler Kontrazeptiva. Dies ergab die Auswertung von 45 Studien aus 21 Ländern, die hauptsächlich aus Europa und den USA stammen. Dabei wurden die Daten von 23.257 Frauen mit Ovarialkarzinom sowie 87.303 Kontrollen analysiert. 31 % der Frauen mit Ovarialkarzinom hatten orale Kontrazeptiva eingenommen, bei den Kontrollen waren es 37 %. Die durchschnittliche Anwendungsdauer betrug 4,4 Jahre (Ovarialkarzinom-Gruppe) beziehungsweise 5 Jahre (Kontroll-Gruppe). Das mittlere Diagnosealter lag bei 56 Jahren. [5]

Es zeigte sich, dass das Risiko, ein Ovarialkarzinom zu entwickeln, umso niedriger war, desto länger die Frauen orale Kontrazeptiva einnahmen. Das relative Gesamtrisiko nahm pro 5-jähriger Anwendung um 20 % ab (95%-KI 0,18–0,23; p < 0,0001). Bei Frauen, die ca. 15 Jahre orale Kontrazeptiva einnahmen, war das Risiko für ein Ovarialkarzinom etwa halb so groß. Darüber hinaus wurde ein schützender Langzeiteffekt beschrieben: Auch wenn die Einnahme von oralen Kontrazeptiva bereits beendet war, blieb das Risiko über 30 Jahre signifikant reduziert. Die Autoren schlossen aus den Ergebnissen, dass zum Zeitpunkt der Studie durch die Anwendung oraler Kontrazeptiva bereits über 200.000 Ovarialkarzinome und damit etwa 100.000 dadurch verursachte Todesfälle verhindert wurden. Für die nächsten Jahrzehnte nehmen die Autoren an, dass sich die Anzahl der durch Einnahme oraler Kontrazeptiva verhinderten Ovarialkarzinome auf schätzungsweise 30.000 Fälle pro Jahr erhöhen wird. [5]

Eine aktuellere Studie aus dem Jahr 2016 bestätigte diese Ergebnisse. Sie zeigte, dass die Anzahl der mit einem Ovarialkarzinom verbundenen Todesfälle global gesunken ist. Am stärksten äußerte sich der Rückgang in nordeuropäischen Ländern, wo orale Kontrazeptiva von Frauen rasch zur Empfängnisverhütung angenommen wurden: In Schweden und Dänemark reduzierte sich die Sterberate um 24 %, in Großbritannien um 22 % und in Österreich um 18 %. [6]

Fazit

Der aktuelle Stand zum Thema Langzeiteffekte von oralen Kontrazeptiva lässt sich wie folgt zusammenfassen:

  • Studien zeigen, dass die Sterblichkeit von Frauen, die orale Kontrazeptiva einnahmen oder einnehmen, langfristig nicht höher ist als bei Frauen, die zu keiner Zeit orale Kontrazeptiva einnahmen. [3]
  • Das Mortalitätsrisiko bei Anwenderinnen oraler Kontrazeptiva scheint sogar etwas geringer zu sein. Diese Assoziation zeigt sich anhand von niedrigeren Mortalitätsraten, die durch Todesursachen wie einige Krebserkrankungen und Herz-Kreislauf-Krankheiten, zustande kommen. [3]
  • Die Langzeiteinnahme von KOK ist mit einem niedrigeren Risiko für Endometriumkarzinome assoziiert. [4]
  • Die Anwendung oraler Kontrazeptiva senkt das Risiko, ein Ovarialkarzinom zu entwickeln. Das Risiko ist dabei umso niedriger, je länger die Präparate eingenommen werden. [5]
  • Die Einnahme von oraler Kontrazeptiva führte zur Reduktion der Ovarialkarzinom-bedingten Sterblichkeit. Dieser Trend wird sich laut Experten in den meisten Ländern weiter fortsetzen. [6]

Referenzen

[1] Emons G. (2015). Hormonelle Kontrazeption und Krebs. Gynäkologe. 48:651-656.
[2] Gierisch J. M. et al. (2013). Oral Contraceptive use and Risk of Breast, Cervical, Colorectal, and Endometrial Cancers: A Systematic Review. Cancer Epidemiol Biomarkers Prev. 22(11):1931-43.
[3] Hannaford P et al. (2010). Mortality among contraceptive pill users: cohort evidence from Royal College of General Practitioners’ Oral Contraception Study. BMJ. 340:c927.
[4] Collaborative Group on Epidemiological Studies on Endometrial Cancer (2015). Endometrial cancer and oral contraceptives: an individual participant meta-analysis of 27 276 women with endometrial cancer from 36 epidemiological studies. Lancet Oncol. 16(9):1061-1070.
[5] Collaborative Group on Epidemiological Studies of Ovarian Cancer (2008). Ovarian cancer and oral contraceptives: collaborative reanalysis of data from 45 epidemiological studies including 23 257 women with ovarian cancer and 87 303 controls. Lancet. 371:303-14.
[6] Malvezzi M. (2016). Global trends and predictions in ovarian cancer mortality. Annals of Oncology. 27:2017-25.


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