Vaginales Progesteron zur Senkung des Frühgeburtsrisikos bei Zwillingen und Drillingen

Bei Schwangerschaften mit Zwillingen und Drillingen liegt das Risiko für eine Frühgeburt signifikant höher als bei Schwangerschaften mit nur einem Kind [1]. Zur Senkung des Frühgeburtsrisikos hat sich der Einsatz von vaginalem Progesteron bei Mehrlingsschwangerschaften und gleichzeitig verkürztem Gebärmutterhals als sinnvoll erwiesen [2].


Mehrlingsschwangerschaften erhöhen Risiko für Frühgeburten

Die Frühgeburt ist definiert als eine Geburt vor Ende der 37. SSW (Schwangerschaftswoche) [1]. Ein hoher Risikofaktor für Frühgeburten sind Schwangerschaften mit Mehrlingen. Obwohl der Anteil von Zwillingsschwangerschaften in Deutschland nur ca. 2 % aller Schwangerschaften beträgt, sind über 10 % aller frühgeborenen Kinder Zwillinge [1]. Über 50 % der Frauen mit einer Zwillingsschwangerschaft entbinden vor abgeschlossener 37. SSW, bei Drillingsschwangerschaften liegt die Wahrscheinlichkeit sogar noch höher [1,3].

Für die frühgeborenen Kinder birgt dies ein erhöhtes gesundheitliches Risiko im Verhältnis zu reif geborenen Kindern. Sie haben eine größere Wahrscheinlichkeit nach der Geburt gesundheitliche Probleme zu entwickeln oder sogar zu sterben [1]. In Bezug auf Mehrlingsschwangerschaften bedeutet dies, dass Zwillinge ein 5-fach höheres Risiko haben, in der frühen Kindheit zu versterben, Drillinge sogar ein 10-fach höheres [1]. Daher sind Präventionsmaßnahmen bei Mehrlingsschwangerschaften besonders wichtig.

Kinderwunschbehandlung und Mehrlingsschwangerschaften

Vor allem in der Kinderwunschbehandlung kommen Mehrlingsschwangerschaften häufiger vor, und die Zahl der Kinderwunschbehandlungen bzw. Geburten durch Embryotransfer ist weiterhin steigend [4]. Beim Embryotransfer werden Eizelle und Samenzelle künstlich befruchtet, entweder mittels IVF (In vitro-Fertilisation) oder mittels ICSI (intracCytoplasmatische Spermieninjektion), und anschließend wird der Embryo in die Gebärmutter eingesetzt. Um höhere Erfolge zu erzielen, werden durchschnittlich etwa 1,8 Embryonen pro Transfer eingesetzt, was in der Folge zu mehr Zwillingsschwangerschaften führt als bei der natürlichen Empfängnis [4]. Aktuell liegt die Mehrlingsrate in Deutschland nach Embryonentransfer bei über 20 % und ist aufgrund des Embryonenschutzgesetzes im internationalen Vergleich überdurchschnittlich hoch [4].

Unterschiede in der Mehrlingsrate gibt es allerdings durch die Art der Verfahren. So hat der „frozen embryo transfer“ (FET) in den letzten Jahren auf etwa ein Drittel aller Behandlungen zugenommen [4]. Dabei wird ein Teil der befruchteten Eizellen zunächst eingefroren und in einem späteren Zyklus eingesetzt (Auftauzyklus oder Kryozyklus). Bei den Kryozyklen liegt nicht nur die Zahl der eingesetzten Embryonen pro Transfer etwas niedriger als bei den Frischzyklen, auch die Zahl der Mehrlingsschwangerschaften hält sich geringer [4]. Während im Frischzyklus 21,3 % aller Geburten Zwillingsgeburten sind, belaufen sie sich bei Kryozyklen nur auf 15 % [4].

Verkürzte Zervix bei Mehrlingsschwangerschaften

Ein weiterer Risikofaktor für Frühgeburten liegt in einer verkürzten Zervix (Gebärmutterhals),
definiert als eine transvaginal gemessene sonographische Zervixlänge ≤ 25 mm im zweiten Trimester der Schwangerschaft. Tatsächlich ist das Risiko einer Frühgeburt bei gleicher Zervixlänge für Zwillingsschwangerschaften höher als für Einlingsschwangerschaften. Während bei Einlingsschwangerschaften eine Zervixlänge von < 15 mm ein 50%iges Risiko für eine Frühgeburt unter 32 SSW darstellt, ist dieses Risiko bei Zwillingsschwangerschaften bereits bei einer Zervixlänge von < 25 mm gegeben [5].

Zur Prävention von Frühgeburten können in bestimmten Fällen vaginale Progesteronpräparate eingesetzt werden, wie sie auch im Rahmen der Kinderwunschbehandlung zur Unterstützung der Gelbkörperphase (Lutealphase) angewandt werden. Dazu untersuchte eine Meta-Analyse die Gabe von vaginalem Progesteron bei 303 asymptomatischen Zwillingsschwangerschaften mit einer Zervixlänge ≤ 25 mm im zweiten Trimester [1,2].

Senkung des Frühgeburtsrisikos durch Progesteron

Die Meta-Analyse individueller Patientendaten von Romero et al. aus dem Jahr 2017 ergab erstens eine signifikante Reduktion des Frühgeburtsrisikos vor Ende der 32. SSW durch die Gabe von vaginalem Progesteron. Und zweitens eine geringere Erkrankungs- und Sterblichkeitsrate bei den Neugeborenen, ohne dass schädliche Auswirkungen auf die Entwicklung des kindlichen Nervensystems aufgetreten wären [1,2].

Allerdings sollten Frauen nicht rein prophylaktisch nur aufgrund des Vorliegens einer Mehrlingsschwangerschaft Progesteron erhalten. Laut aktueller Leitlinie ist die Gabe von vaginalem Progesteron sinnvoll bei Frauen mit Mehrlingsschwangerschaft und gleichzeitig verkürzter Zervix. Die Empfehlung der Leitlinie lautet daher, dass Frauen mit Zwillingsschwangerschaft, deren sonographisch gemessene Zervixlänge vor Beginn der 25. SSW ≤ 25 mm beträgt, täglich 200–400 mg vaginales Progesteron erhalten sollten [1].

Fazit

Der aktuelle Erkenntnisstand bezüglich des Frühgeburtsrisikos bei Mehrlingsschwangerschaften lässt sich folgendermaßen zusammenfassen:

  • Mehrlingsschwangerschaften erhöhen das Risiko für Frühgeburten und treten unter Kinderwunschbehandlung besonders häufig auf [1,4].
  • Eine Zervixlänge ≤ 25 mm im zweiten Trimester stellt ein zusätzliches Frühgeburtsrisiko dar und kann eine Indikation zur Gabe von vaginalem Progesteron sein [1,2,5].
  • Gemäß der aktuellen Leitlinie zur Prävention und Therapie der Frühgeburt sollte bei Mehrlingsschwangerschaften und gleichzeitig verkürzter Zervix vaginales Progesteron eingesetzt werden [1].

Referenzen

[1] S2k-Leitlinie Prävention und Therapie der Frühgeburt. AWMF-Registernummer 015/025. Stand Februar 2020. Version 1.1. Online unter: https://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/015-025.html
[2] Romero R et al.: Vaginal progesterone decreases preterm birth and neonatal morbidity and mortality in women with a twin gestation and a short cervix: an updated meta-analysis of individual patient data. Ultra-sound Obstet Gynecol 2017; 49: 303–314.
[3] Dodd J et al. Prenatal administration of progestogens for preventing spontaneous preterm birth in women with a multiple pregnancy. Cochrane Database of Systematic Reviews 2019, Issue 11. Art. No.: CD012024.
[4] Jahrbuch 2018 Deutsches IVF Register (DIR), Journal für Reproduktionsmedizin und Endokrinologie, 16. Jahrgang 2019. Online unter: https://www.deutsches-ivf-register.de/jahrbuch.php
[5] Romero R. Progesterone to prevent preterm birth in twin gestations: what is the next step forward?. BJOG. 2013 January; 120(1): 1–4.


Herzlich Willkommen

In unserem Hormonspezialisten-Portal finden Sie Infos und Services, die speziell für Ärzte entwickelt wurden.


Sie sind kein Arzt?
Entdecken Sie unsere Patientenseiten!

 

Sie sind kein Arzt? Entdecken Sie unsere Patienten-Webseiten!

 

Ich bin Arzt

Als Arzt sind Sie hier genau richtig, denn Hormonspezialisten ist Ihr Expertenportal rund um das Thema Sexualhormone mit interaktivem Experten-Board. Entdecken Sie unser umfangreiches Angebot oder melden Sie sich für weitere Services direkt per DocCheck Login an.

 

Ich bin kein Arzt

HORMONSPEZIALISTEN.de wurde vorrangig für Ärzte konzipiert und bietet medizinisch-wissenschaftliche Inhalte. Einige der Seiten sind aus rechtlichen Gründen Ärzten vorbehalten und durch einen entsprechenden Login geschützt.

Sie sind kein Arzt? Entdecken Sie unsere Patienten-Webseiten!


Das Portal für Männergesundheit

Alles zum Thema Wechseljahre