Transdermales Estradiol lindert Symptome bei Schizophrenie

Die Ergebnisse einer kürzlich veröffentlichten Studie [1] unterstreichen zum wiederholten Male den Ansatz, dass transdermal verabreichtes Estradiol eine wirkungsvolle Zusatztherapie bei Frauen mit Schizophrenie darstellen kann. Welchen Hintergrund dieser Therapieansatz hat und welche Erkenntnisse es bislang zum antipsychotischen Schutz von Östrogen bei Frauen gibt, erfahren Sie hier.


Verbesserung vieler Symptome durch Estradiol

Insgesamt wurden 200 prämenopausale Frauen mit Schizophrenie oder schizoaffektiver Störung zwischen 19 und 45 Jahren (mittleres Alter 38,0 Jahre) in der randomisierten und placebokontrollierten Studie [1] untersucht. Dabei erhielten 100 Frauen ein 200-µg-Estradiolpflaster und 100 der Teilnehmerinnen ein Placebo-Pflaster, wobei alle Frauen vor Studienbeginn mit Antipsychotika eingestellt waren; der Beobachtungszeitraum verlief über acht Wochen. Zur Erhebung von Symptomveränderungen wurde die „Positive and Negative Syndrome Scale“ (PANSS) angewendet. Als primärer Endpunkt wurde eine Veränderung der Positivsymptomatik gewählt. [1] Hierzu zählen beispielsweise Symptome wie Wahnvorstellungen, Halluzinationen, Angst, Erregung oder Misstrauen. [2] Bei Baseline betrug der durchschnittliche positive PANSS-Score für beide Gruppen zusammen 19,6; in Woche acht reduzierte sich der durchschnittliche positive PANSS-Score in der Estradiolgruppe auf 13,4 und in der Placebogruppe auf 14,4, der Unterschied von –0,94 Punkten war statistisch signifikant (p = 0,008). [1]

Wirkung ist abhängig vom Alter

Durch eine Heterogenitätsanalyse fanden die Forscher um Weiser heraus, dass dieser Effekt fast ausschließlich bei den 100 Teilnehmerinnen über 38,0 Jahren auftrat (46 in der Placebogruppe vs. 54 in der Estradiolgruppe; Unterschied –1,98 Punkte auf der PANSS-positiv-Subskala). Sie schließen aus dem signifikanten Ergebnis (p < 0,001), dass die Wirkung der zusätzlichen Estradioltherapie bei schizophrenen Frauen über 38 Jahren relevant ist und Symptome lindern kann. Jüngere Frauen hingegen scheinen nicht zu profitieren. Offenbar wird zugeführtes Estradiol erst dann wirksam, wenn die Spiegel an körpereigenen Östrogenen bereits sinken oder nicht mehr ausreichend wirken. Zu möglichen Nebenwirkungen der transdermalen Estradiolgabe zeigte die Studie, dass es im Vergleich zur Placebogruppe in der Estradiolgruppe häufiger zu Brustschmerzen (n = 15 vs. n = 1) und zu Gewichtszunahmen (14 vs. 1) kam. [1]

Östrogene und Schizophrenie

Die aktuelle Studie schließt an eine Reihe von Studien [3,4,5] dieses Forschungsfelds an und zeigt, dass Östrogene neben ihrer Funktion als Sexualhormone auch eine zerebrale Wirkung haben. Sie wirken auf verschiedene Neurotransmitterrezeptoren und nehmen dadurch Einfluss auf das für die Schizophrenie bedeutende Steuerungssystem von Neurotransmittern wie Dopamin oder Serotonin. [3,6] Obwohl Männer als auch Frauen gleichermaßen an Schizophrenie erkranken – wobei neuere Untersuchungen darauf hinweisen, dass Männer etwas häufiger erkranken (Erkrankungsverhältnis Männer zu Frauen liegt bei 1,4:1) [7] –, gibt es bezeichnende Unterschiede zwischen den Geschlechtern.

Unterschiede bei Frauen und Männern

So erkranken Frauen etwa vier bis fünf Jahre später als Männer und während die Häufigkeit der Ersterkrankungen bei Männern mit zunehmenden Alter absinkt, zeigt sich bei Frauen nach dem 45. Lebensjahr ein zweiter Erkrankungsgipfel. [6] Als eine Erklärung dafür wird bei an Schizophrenie erkrankten Frauen das Vorliegen einer generellen Hypoöstrogenämie vermutet. Neuere Veröffentlichungen konnten zeigen, dass diese Frauen signifikant niedrigere Östrogenwerte aufwiesen als gesunde Frauen. [6] Auf diese Lesart verweisen auch die Forscher der aktuellen Studie. [1]

Antipsychotischer Schutz durch Östrogene

Demzufolge wird Östrogen eine antipsychotische Wirkung zugeschrieben. So haben Frauen durch den stabilen Östrogenspiegel in der Lebensphase zwischen Menarche und Menopause einen relativen Schutz vor Schizophrenie. Sinkt der Östrogenwert in der Perimenopause ab, steigt bei Frauen, die bis zu diesem Zeitpunkt durch das Östrogen vor der Erkrankung geschützt waren, das Risiko an Schizophrenie zu erkranken. [6] Grundsätzlich gilt, dass jeder Östrogenentzug bei Schizophrenie-anfälligen Frauen zu einem Auftreten einer psychotischen Symptomatik oder einer Verschlimmerung einer vorhandenen Psychose führen kann. Für betroffene Frauen kann es deshalb in folgenden Situationen zu einem erhöhten Erkrankungsrisiko kommen: [6]

  • Durch das Absetzen oraler Kontrazeptiva
  • Unter der Gabe von Clomifen und Gonadotropin-Releasing-Hormon (GnRH)
  • Postpartal
  • Durch Schwangerschaftsabbruch
  • Operative Entfernung von Blasenmolen
  • Nach Tamoxifen-Einnahme


Einschränkungen gelten jedoch in Fällen, in denen eine hohe genetische Prädisposition vorliegt: Ist beispielsweise ein weiteres Familienmitglied an Schizophrenie erkrankt, gibt es keinen Geschlechterunterschied hinsichtlich des Ersterkrankungsalters. [6]

Fazit

Das Thema Estradiolanwendung bei Frauen mit Schizophrenie kann wie folgt zusammengefasst werden:

  • Eine aktuelle Studie konnte zeigen, dass sich durch eine Zusatztherapie mit Estradiol bei Frauen, die an Schizophrenie leiden und die mit Antipsychotika behandelt werden, Symptome wie Wahnvorstellungen, Halluzinationen oder Angstzustände reduzieren. [1,2] Die Wirkung scheint dabei altersspezifisch und nur bei Frauen über 38 Jahren signifikant zu sein. [1]
  • Östrogene wirken auch zerebral und beeinflussen Neurotransmitter wie beispielsweise das für die Schizophrenie bedeutende Dopaminsystem. [6]
  • Bei an Schizophrenie erkrankten Frauen wird das Vorliegen einer generellen Hypoöstrogenämie vermutet. [6]
  • Da Östrogen eine antipsychotische Wirkung zugeschrieben wird, steigt das Risiko für psychotische Ereignisse bei Schizophrenie-anfälligen Frauen mit dem Absinken der Östrogenwerte beispielsweise in der Perimenopause. [6]

 

Referenzen

[1] Weiser M, Levi L, Zamora D, et al. Effect of Adjunctive Estradiol on Schizophrenia Among Women of Childbearing Age. A Randomized Clinical Trial. JAMA Psychiatry 2019. doi.101001/iamapsychratry 20191842.
[2] Wang D, Gopal S, Baker S, Narayan VA. Trajectories and changes in individual items of positive and negative syndrome scale among schizophrenia patients prior to impending relapse. Nature partner journals. Schizophrenia (2018).
[3] Kulkarni J, Castella A, Fitzgerald P, et al. Estrogen in Severe Mental Illness. A Potential New Treatment Approach. Arch Gen Psychiatry. 2008;65(8):955-960.
[4] Bergemann N, Mundt C, Parzer P, et al. Estrogen as an adjuvant therapy to antipsychotics does not prevent relapse in women suffering from schizophrenia: results of a placebo-controlled double-blind study. Schizophr Res. 2005 May 1;74(2-3):125-34.
[5] Louzã M, Marques AP, Elkis H, et al. Conjugated estrogens as adjuvant therapy in the treatment of acute schizophrenia: a double-blind study. Schizophr Res. 2004 Feb 1;66(2-3):97-100.
[6] Bergemann N. Hormontherapie und schizophrene Psychosen. Gynäkologische Endokrinologie 2011.9:24–30. DOI 10.1007/s10304-010-0387-5.
[7] Gaebel W, Wölwer W. Gesundheitsberichterstattung des Bundes. Heft 50: Schizophrenie. Robert Koch Institut Statistisches Bundesamt, Berlin 2010. https://www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/Gesundheitsberichterstattung/GBEDownloadsT/Schizophrenie.pdf?__blob=publicationFile (Abruf am 22.10.2019)


Herzlich Willkommen

In unserem Hormonspezialisten-Portal finden Sie Infos und Services, die speziell für Ärzte entwickelt wurden.


Sie sind kein Arzt?
Entdecken Sie unsere Patientenseiten!

 

Sie sind kein Arzt? Entdecken Sie unsere Patienten-Webseiten!

 

Ich bin Arzt

Als Arzt sind Sie hier genau richtig, denn Hormonspezialisten ist Ihr Expertenportal rund um das Thema Sexualhormone mit interaktivem Experten-Board. Entdecken Sie unser umfangreiches Angebot oder melden Sie sich für weitere Services direkt per DocCheck Login an.

 

Ich bin kein Arzt

HORMONSPEZIALISTEN.de wurde vorrangig für Ärzte konzipiert und bietet medizinisch-wissenschaftliche Inhalte. Einige der Seiten sind aus rechtlichen Gründen Ärzten vorbehalten und durch einen entsprechenden Login geschützt.

Sie sind kein Arzt? Entdecken Sie unsere Patienten-Webseiten!


Das Portal für Männergesundheit

Alles zum Thema Wechseljahre