Testosterontherapie kann Depression lindern

Depressionen haben eine hohe Prävalenz und sind mit einer reduzierten Lebensqualität sowie erhöhter Morbidität assoziiert. [1] Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass in Deutschland 5,2 % der Bevölkerung von einer Depression betroffen sind, das sind 4,1 Millionen Menschen. [2] Im Kampf gegen die Erkrankung zeigt sich trotz wiederholter Therapieversuche mit Antidepressiva bei etwa 30 % der Patienten keine nachhaltige Verbesserung der depressiven Symptome. [3] Bei Männern mittleren und höheren Alters können Symptome wie depressive Verstimmungen und sexuelle Dysfunktion mit einem niedrigen Testosteronspiegel assoziiert sein. [3-6] Wie der Einsatz von Testosteron bei hypogonadalen Männern depressive Symptome wirksam reduzieren kann, zeigen aktuelle Studien [1,3].


Antidepressive Wirkung von Testosteron

Da Testosteron sowohl die Gemütslage als auch das Appetenzverhalten beeinflusst, ist der Zusammenhang zwischen dem Steroidhormon und dem Auftreten von Depressionen seit einigen Jahren ein viel diskutierter Aspekt in der Forschung. [3] Eine Studie mit Frau-zu-Mann-Transsexuellen konnte zeigen, dass durch eine Testosterontherapie bereits nach vier Wochen die Anzahl von Serotonintransportern (SERT) im Gehirn erhöht wurde. Die Konzentration des Glückshormons Serotonin wurde in der Studie nicht direkt gemessen – es ist jedoch davon auszugehen, dass sich aufgrund der gesteigerten Menge an SERT auch die Serotonin-Konzentration im Gehirn erhöhte. [7] Zudem scheint Testosteron einen Effekt auf die Neuroplastizität zu haben, der sich antidepressiv auswirkt. [3]

Testosteron und Depression

Ob Männer mit niedrigeren Testosteronwerten häufiger depressiv sind, wurde in verschiedenen Studien untersucht – mit unterschiedlichem Ergebnis: Während einige Studien die Annahme bestätigen [1,3,4,5] oder die Korrelation nur für Subgruppen von Studienteilnehmern oder bestimmte Arten der Depression zeigen [3], konnte in anderen Untersuchungen keine Assoziation zwischen niedrigen Testosteronwerten und depressiven Symptomen festgestellt werden. [8]

Erhöhte Depressionsrate bei Männern mit niedrigen Testosteronwerten

Eine Studie, die den Zusammenhang von Testosteronmangel bzw. grenzwertigen Testosteronwerten und Depression bestätigt, wurde 2015 im Journal of Sexual Medicine veröffentlicht. [4] Analysiert wurden dazu die Daten von 200 Männern im Alter von 20 bis 77 Jahren. Die Gesamttestosteronwerte lagen zwischen 200 und 350 ng/dL (6,9 bis 12,1 nmol/l). Entsprechend der aktuellen Leitlinie der European Association of Urology (EAU) [5] lag somit bei allen Männern definitionsgemäß ein Testosteronmangel vor. Wird dieser von Symptomen begleitet, die einen Testosteronmangel nahelegen, spricht man von einem Hypogonadismus. Im Rahmen der Studie wurden die Studienteilnehmer unter anderem in Bezug auf folgende Parameter untersucht [4]:

  • Anzeichen für Hypogonadismus,
  • das Vorhandensein von depressiven Symptomen,
  • eine diagnostizierte Depression
  • sowie die Einnahme von Antidepressiva.

Im Vergleich zur Depressionsrate der Normalbevölkerung (6–23 %) wiesen über die Hälfte der Studienteilnehmer (56 %) eine diagnostizierte Depression oder depressive Symptome auf. Etwa jeder Vierte nahm Antidepressiva ein. [4] Begleitend dazu waren die Betroffenen häufiger stark übergewichtig und wiesen weitere typische testosteronmangelbedingte Symptome wie erektile Dysfunktion, verminderte Libido, Antriebslosigkeit und Schlafstörungen auf. Daher empfahlen die Studienautoren, bei Männern mit sehr niedrigen Testosteronwerten auch weitere Beschwerden wie Depression sowie Übergewicht und einen ungesunden Lebensstil abzuklären. [4]

Therapeutischer Einsatz von Testosteron bei depressiven Symptomen

Eine Testosterontherapie führt bei hypogonadalen Männern zur Linderung zahlreicher Beschwerden – auch eventuell vorliegende depressive Verstimmungen werden häufig reduziert. Der Einsatz von Testosteron im Rahmen einer antidepressiven Therapie wird jedoch in keiner Leitlinie empfohlen. [3,5] Allerdings wurde in zahlreichen Studien die Testosterontherapie im Hinblick auf die Verbesserung depressiver Symptome untersucht – mit unterschiedlichen Ergebnissen. Während die Wirkung bei Subgruppen-Analysen (wie mittleres Alter, HIV-positiv) bestätigt wurde, konnte bislang aus den bestehenden randomisierten Placebo-kontrollierten Studien Wirksamkeit und Effektivität nicht eindeutig bestätigt werden. [3,6] Eine kürzlich veröffentlichte systematische Metaanalyse von Walther, Breidenstein und Miller gibt nun erneut Hinweise auf einen Nutzen. [3]

Im Rahmen der Metaanalyse wurden Daten aus 27 ausschließlich randomisierten, Placebo-kontrollierten Studien und von insgesamt 1.890 hypo- und eugonadalen Männern zwischen 40 und 80 Jahren analysiert. Grundlegend für die Studien war, dass die Bewertung des Schweregrades der depressiven Störung, sowohl vor als auch nach der Testosteron-Behandlung, durch ein validiertes psychometrisches Verfahren erfolgt sein musste. [3]

Die Auswertung zeigt, dass eine Behandlung mit Testosteron wirksam und effizient depressive Symptome reduzieren konnte. Im Vergleich zu Männern unter Placebo verringerten sich die depressiven Symptome bei Männern unter einer Testosterontherapie signifikant (p < 0,001). [3] Allerdings musste das Testosteron für eine wirksame Reduktion depressiver Symptome bei hypo- bzw. eugonadalen und sowohl jüngeren (< 60 Jahre) als auch älteren Männern (> 60 Jahre) ausreichend hoch dosiert sein (> 500 mg/Woche). [3]

Größerer Nutzen bei früher Anwendung und höherem Schweregrad

Im Jahr 2018 wurden zu dem Thema ebenfalls die Ergebnisse einer kleinen retrospektiven Datenanalyse publiziert. [1] Untersucht wurden 16 hypogonadale depressive Männer, deren Ansprechen auf eine initiale antidepressive Therapie unzufriedenstellend gewesen war. Infolgedessen erhielten sie eine intramuskuläre Testosterontherapie. Der Schweregrad der Depression wurde mit dem Depressions-Inventar-II (BDI-II) evaluiert – einem psychologischen Testverfahren basierend auf einem Fragebogen mit 21 Kategorien. Je höher die erreichte Punktezahl, desto schwerer die Depression. Nach knapp fünf Monaten Testosterontherapie wurde eine signifikante Reduktion des BDI-II Score um ca. 31 % von 27,2 auf 18,8 Punkte verzeichnet (p < 0,01). [1] Es zeigte sich zudem, dass die Testosterontherapie bei denjenigen Männern mit schwerer Depression (BDI-II Score bei Baseline: 29-63, n = 6) zu einer größeren Score-Abnahme führte als bei jenen mit moderater Depression (BDI-II Score: 0-28, n = 10). Zudem zeigten die Männer, die seit weniger als zwei Jahren depressiv waren (n = 5), eine signifikant größere Reduktion des BDI-II-Scores (p < 0,01) als jene, die seit zwei Jahren oder länger an einer Depression litten (n = 16). Möglicherweise könnte die Dauer der Depression ein prognostischer Faktor für die Wirksamkeit einer Testosterontherapie bei hypogonadalen depressiven Männern sein – dies muss jedoch in größeren Studien nochmals evaluiert werden. [1]

Fazit

Die wichtigsten Punkte zum Thema Testosteron und Depression lassen sich wie folgt zusammenfassen:

  • Testosteron erhöht die Konzentration der Serotonintransporter im Gehirn [7] und scheint einen Effekt auf die Neuroplastizität zu haben, der sich antidepressiv auswirkt. [3]
  • Männer mit sehr niedrigen Testosteronwerten haben ein höheres Depressionsrisiko als die Normalbevölkerung. Häufige Begleiterscheinungen sind Übergewicht und ein ungesunder Lebensstil. [4]
  • Die Behandlung mit Testosteron reduzierte bei hypo- und eugonadalen Männern mittleren und höheren Alters wirksam und effizient depressive Symptome, wenn höhere Dosierungen (500 mg/Woche) verabreicht werden. [3]
  • Hypogonadale Männer, die seit weniger als zwei Jahren depressiv sind oder aber jene, die an einer schweren Depression leiden, scheinen am meisten von einer Testosterontherapie zu profitieren. [1]

Referenzen

[1] Miclea, M., et al. (2018). Intramuscular Testosterone Supplementation Ameliorates Depression in Hypogonadal Men: A Retrospective Study in an Outpatient Department. Pharmacopsychiatry. 51:257-262.

[2] WHO (2017). Depression and Other Common Mental Disorders: Global Health Estimates. Geneva: World Health Organization; Licence: CC BY-NC-SA 3.0 IGO.

[3] Walther, A., Breidenstein, J., Miller, R. (2018). Association of testosterone treatment with alleviation of depressive symptoms in men. A systematic review ans meta-analysis. JAMA Psychiatry. doi:10.1001/jamapsychiatry.2018.

[4] Westley, C. J., et al. (2015). High Rates of Depression and Depressive Symptoms among Men Referred for Borderline Testosterone Levels. Journal of Sexual Medicine. doi:10.1111/jsm.12937.

[5] Dohle, G. R., et al. (2018). EAU-Leitlinie Männlicher Hypogonadismus. Reproduktionsmed. Endokrinol. 15(2):71-88.

[6] Seidman, S. N., Weiser, M. (2013). Testosterone and Mood in Aging Men. Psychiatr Clin N Am. 36:177-182.2

[7] Kranz, G. S., et al. (2015). High-Dose Testosterone Treatment Increases Serotonin Transporter Binding in Transgender People. Biol Psychiatry. 15, 78(8):525-533.

[8] Kische, H., et al. (2017). Associations of androgens with depressive symptoms and cognitive status in the general population. PLoS ONE. 12(5):e0177272.


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