Östrogenfreie Pille und zyklusbedingte Kopfschmerzen

Migräne ist bei Frauen häufig und tritt besonders während der fruchtbaren Jahre auf – genau in jener Lebensphase, in der sich viele eine effiziente Verhütung wünschen [1,2]. Da die Kopfschmerzattacken oft hormonabhängig sind, untersuchten verschiedene Studien das Potenzial östrogenfreier Pillen zur Verbesserung der Symptome [1–4].


Migräne ist nicht gleich Migräne

Etwa jede zweite Frau beschreibt einen Zusammenhang zwischen dem Auftreten von Migräne und ihrem Monatszyklus [2]. Die meisten dieser Migräne-Patientinnen leiden dabei an „menstruell assoziierter Migräne“. Diese ist definiert als Migräne ohne Aura, die etwa zwei Tage vor bis drei Tage nach der Menstruation sowie auch während anderer Zyklusphasen auftritt und den überwiegenden Teil der Zyklen (d.h. ˃66 %) betrifft. Im Gegensatz dazu findet sich die „menstruelle Migräne“ ausschließlich an den Tagen kurz vor oder nach der Menstruation [4]. Beide Formen treten am häufigsten bei Frauen im Alter zwischen 30 und 45 Jahren in Erscheinung [4]. Es wird angenommen, dass vor allem das plötzliche prämenstruelle Absinken von Östradiol an der Entstehung der Kopfschmerzattacken beteiligt ist [3,4]. Für viele Frauen dieser Altersgruppe stellt sich die Frage, welche Empfängnisverhütung für sie geeignet ist. Da sich starke hormonelle Schwankungen durch den Einsatz reiner Gestagen-Pillen vermeiden lassen, untersuchen Studien seit einiger Zeit, ob die Einnahme positive Effekte auf Migräne-Beschwerden haben könnte [4].

Kontrazeption und Migräne: Frauen differenziert beraten

Grundsätzlich spielt die Migräneform, d.h. ob diese sich mit oder ohne Aura manifestiert, eine entscheidende Rolle hinsichtlich der Empfehlung für eine hormonelle Kontrazeption [3,5].

Laut WHO-Empfehlung können Frauen mit Migräne ohne Aura Gestagen-Monopräparate ohne wesentliche Einschränkung einnehmen [3,5]. Pillen, die ausschließlich ein Gestagen enthalten (Progestogen-only Pills, POP), wurden bisher nicht mit einem erhöhten Risiko für thromboembolische oder ischämische Ereignisse verknüpft und gelten im Hinblick auf die Sicherheit als die günstigste Option [2]. Kombinierte orale Kontrazeptiva (KOK) sollten hingegen aufgrund des thromboembolischen Risikos nicht von Migräne-Patientinnen ohne Aura eingenommen werden, insbesondere dann nicht, wenn betreffende Frauen rauchen oder über 35 Jahre alt sind [3,5]. Patientinnen mit Migräne mit Aura rät die WHO generell von hormonellen Verhütungsmethoden, d.h. sowohl KOK als auch POP, ab [5].

Positive Effekte von Gestagen-Pillen bei Migräne

Die Ovarialhormone Östrogen und Gestagen modulieren wahrscheinlich die nozizeptiven und anti-nozizeptiven Signalpfade und sind über diesen Weg an der Migräne-Pathogenese beteiligt [1]. Besonders das plötzliche hormonelle Absinken des Östrogenspiegels kurz vor der Menstruation scheint dabei eine Migräne zu triggern [4]. Gestagen-Pillen in Ovulationshemmdosis stabilisieren den Östrogenspiegel und haben daher möglicherweise einen positiven Einfluss auf die Schwelle der Schmerzwahrnehmung bei Migräne-Patientinnen [6]. So deuteten bereits vorläufige Ergebnisse einer Auswertung von Schmerztagebüchern von Migräne-Patientinnen darauf hin, dass Gestagen-Pillen (mit 75 μg Desogestrel) bei der Mehrheit der Frauen einen positiven Effekt auf den Verlauf von Migräne mit und ohne Aura haben: Die Anzahl der Migränetage, der Einsatz von Analgetika und die Intensität der Migränesymptome reduzierten sich [6].

Eine weitere Untersuchung untermauerte diese vorläufigen Ergebnisse: Die Teilnehmerinnen (Frauen mit Migräne sowohl mit als auch ohne Aura) führten dabei bereits 90 Tage vor Einnahme der Pille ein Schmerztagebuch. Darin dokumentierten sie die Anzahl der Tage mit Migräne sowie auch andere Arten von Kopfschmerz, deren Schmerzintensität und den Einsatz von Triptanen [2]. Anschließend erhielten die Frauen ein orales Kontrazeptivum mit 75 µg Desogestrel und führten ihre Tagebuchaufzeichnungen weiter fort, insgesamt über einen Zeitraum von 180 Tagen [2]. Die Auswertung ergab eine signifikante Verbesserung der Lebensqualität und Reduktion der Anzahl an Migränetagen über den gesamten Beobachtungszeitraum [2]. Eine klinisch bedeutsame Schmerzreduktion um 30 % ließ sich bei 60 % der Studienteilnehmerinnen beobachten, wobei der stärkste Effekt auf die Migränehäufigkeit in den ersten 90 Tagen der Pilleneinnahme auftrat, während die anderen Verbesserungen sich im Laufe der anschließenden Einnahmezeit abzeichneten [2].

Diese Untersuchung war auch Teil einer jüngeren Meta-Analyse aus dem Jahr 2017, die insgesamt vier gepoolte, nicht randomisierte Studien umfasste [1]. Ihre Ergebnisse zeigten für die Anwendung der POP eine signifikante Reduktion der Anzahl an Migräneattacken und Migränetagen [1]. Die Autoren der Metanalyse bewerteten desogestrelhaltige POP als vielversprechend im Hinblick auf die Verbesserung der Migräne bei Frauen [1]. Künftige Studien sollten jedoch noch größere Fallzahlen umfassen sowie auch andere gestagenhaltige Kontrazeptiva untersuchen, um deren Rolle für die Migränebehandlung zu bestätigen [1].

Fazit

Die potenziellen Vorteile reiner Gestagen-Pillen für Migräne-Patientinnen ohne Aura lassen sich wie folgt zusammenfassen:

  • Östrogenfreie Pillen können Häufigkeit, Dauer und Intensität der Migräne verringern [4].
  • POP gelten als geeignete Verhütungsoption für Frauen mit Migräne ohne Aura [5].
  • Eine kontinuierliche Anwendung ist möglich [6].
  • Ein Östrogen-Peak bleibt unter der Einnahme aus [6].
  • Es liegt keine Evidenz vor für einen Anstieg des Risikos für kardiovaskuläre Ereignisse, Schlaganfall oder Thromboembolien [6].
  • Es liegen keine Daten vor, die darauf hinweisen, dass Gestagene Migräne hervorrufen [6].

Für Migräne-Patientinnen mit Aura wird eine hormonelle Kontrazeption (KOK und POP) laut WHO nicht empfohlen [5].

Referenzen

[1] Warhurst S, et al. Effectiveness of the progestin-only pill for migraine treatment in women: A systematic review and meta-analysis. Cephalgia Int Head Soc 2017; 38(4):754–764.

[2] Merki-Feld GS, et al. Positive effects of the progestin desogestrel 75μg on migraine frequency and use of acute medication are sustained over a treatment period of 180 days. The J of Headache and Pain 2015; 16:39.

[3] Deutsches Ärzteblatt. Migräne Patientinnen: Differenzierte Auswahl des Kontrazeptivums. Dtsch Ärztebl 2012; 109(3):A-103 (www.aerzteblatt.de/archiv/118997/Migraene-Patientinnen-Differenzierte-Auswahl-des-Kontrazeptivums).

[4] Ahrendt HJ, et al. Präventive Wirkung hormoneller Kontrazeptiva bei menstrueller Migräne. Frauenarzt 2007; 48:12.

[5] World Health Organization: Medical eligibility criteria for contraceptive use. Fifth Edition, 2015. (http://apps.who.int/iris/bitstream/handle/10665/181468/9789241549158_eng.pdf?sequence=1).

[6] Nappi R, et al. Hormonal contraception in women with migraine: is progestogen-only contraception a better choice? The J of Headache and Pain 2013; 14:66.


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