Neue S3-Leitlinie „Hormonelle Empfängnisverhütung“ bietet evidenzbasierte Entscheidungshilfe zur Kontrazeption

Seit 1972 steht Frauen in Deutschland die selbstverantwortliche Anwendung einer hormonellen Kontrazeption offen. Die Entscheidungsmöglichkeiten und eine große Auswahl an zur Verfügung stehenden Präparaten bringen jedoch auch Unsicherheiten mit sich. Ziel der neuen S3-Leitlinie „Hormonelle Empfängnisverhütung" [1] ist es daher, Ärztinnen und Ärzten bei der Beratung von Patientinnen eine Hilfestellung bei der Auswahl der individuell am besten geeigneten kontrazeptiven Methode zu geben.


Entstehung der Leitlinie „Hormonelle Empfängnisverhütung"

Im Laufe der letzten 60 Jahre wurden zahlreiche hormonelle Kontrazeptiva neu entwickelt. Die orale hormonelle Kontrazeption ist heute die in Deutschland am häufigsten angewandte Verhütungsmethode. Bei den meisten angebotenen Kontrazeptiva handelt es sich um Estrogen-Gestagen-Kombinationspräparate, doch kommen auch Gestagenmonopräparate zur Anwendung. Durch die große Auswahl an Präparaten mit unterschiedlicher Zusammensetzung, Dosierung, Applikationsweise und Wirkdauer können die individuellen Bedürfnisse der Anwenderinnen – wie beispielsweise Risiken oder Zusatznutzen – besser berücksichtigt werden.

Seit dem 1. August 2019 steht nun die neue S3-Leitlinie „Hormonelle Empfängnisverhütung“ auf der Website der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V. (AWMF) zur Verfügung. Sie ersetzt zum Teil die alte S1-Leitlinie „Empfängnisverhütung“ und gilt bis Juli 2024. Leitlinien der Klasse S3 sind sowohl evidenz- als auch konsensbasiert und werden über einen Zeitraum von mehreren Jahren aufwendig erstellt.

Ziel der neuen S3-Leitlinie

Der vorliegende erste Teil der S3 Leitlinie fokussiert sich auf die Anwendung hormoneller Kontrazeptiva und enthält auf über 200 Seiten umfangreiche und detaillierte Informationen zu verschiedenen relevanten Themen. Handlungsempfehlungen für nicht hormonelle Kontrazeptiva werden Gegenstand des noch folgenden, zweiten Teils der Leitlinie werden.

Federführende Fachgesellschaften sind die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe e.V. (DGGG), die Österreichische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe e.V. (OEGGG) sowie die Schweizerische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe e.V. (SGGG).

Kurzfristiges Ziel der neuen Leitlinie ist zunächst, Ärztinnen und Ärzten eine evidenzbasierte Hilfestellung zu geben, um für ihre Patientinnen die individuell am besten geeignete, möglichst sichere und nebenwirkungsfreie oder -arme Methode der hormonellen Empfängnisverhütung zu finden. Mittelfristig soll die Leitlinie nicht nur in entsprechende Facharztgruppen, sondern auch gegenüber Laien / Anwenderinnen und Apothekern kommuniziert werden. Desweiteren sollen die Lehrinhalte in das Medizinstudium implementiert werden.

Eine kurze Themen-Übersicht

Die S3-Leitlinie „Hormonelle Empfängnisverhütung“ behandelt eine ganze Reihe verschiedener Themen. Auf knapp 30 Seiten wird zunächst ausführlich auf das Risiko für venöse Thromboembolien (VTE) eingegangen und anschließend das Risiko für arterielle Thromboembolien (ATE) abgehandelt.

In weiteren Kapiteln geht es um diverse Themen wie das Schlaganfallrisiko bei Frauen mit einer Migräne mit Aura oder auch das kardiovaskuläre Risiko bei Frauen mit Diabetes mellitus Typ 1 und 2. Es wird der Einfluss von hormonellen Kontrazeptiva auf die Ovarialzystentherapie, die Stillperiode oder das Leberadenom-Risiko besprochen und Auswirkungen auf Hirsutismus, Körpergewicht oder Libido werden aufgezeigt.

Von Bedeutung sind auch das Nutzen-Risiko-Profil hormoneller Kontrazeptiva im Langzyklus und die Wirkungsweise der beiden effektiven Präparate Ulipristalacetat und Levonorgestrel für die hormonelle Notfallkontrazeption.

Wirkung und Nutzen bei Dysmenorrhoe, Hypermenorrhoe und prämenstruellem Syndrom werden erörtert, sowie der Einfluss von Antiepileptika, Antibiotika und Antidepressiva auf die Wirksamkeit hormoneller Kontrazeptiva untersucht.

Ein eigenes Kapitel nimmt die Onkologie ein. Hier geht es um den Einfluss der hormonellen Kontrazeption auf die Inzidenz verschiedener Karzinome wie Mamma , Ovarial-, Zervix-, Endometrium- und Kolonkarzinom.

Das VTE-Risiko im Fokus

In dem am ausführlichsten behandelten Kapitel zum VTE-Risiko wird unterschieden zwischen Gestagenmonopräparaten und kombinierten hormonellen Kontrazeptiva (KHK) als auch kombinierten hormonellen oralen Kontrazeptiva (KOK). Deutlich wird, dass kombinierte Kontrazeptiva, sowohl orale als auch parenterale, das VTE-Risiko erhöhen. Laut evidenzbasierter Empfehlung sollen bei der Verordnung von KOK nach sorgfältiger Erhebung der Eigen- und Familienanamnese bezüglich des VTE-Risikos Präparate der zweiten Generation bevorzugt werden. Insbesondere gilt dies für Erstanwenderinnen. Gestagenmonopräparate hingegen sind nicht mit einem erhöhten VTE-Risiko assoziiert – ausgenommen die 3-Monats-Spritze.

Ebenfalls ausgeführt wird das VTE Rezidivrisiko bei Frauen mit und ohne Antikoagulation. Unter Antikoagulation wird empfohlen als First-Line-Therapie ein Gestagenmonopräparat zu wählen. Von der weiteren Verwendung von KHK sollte Frauen mit einer aktuellen oder einer früheren VTE abgeraten werden, sofern sie nicht durch eine Antikoagulation vor einer Rezidiv-VTE geschützt sind.

Zur Prävention und Therapie von abnormen uterinen Blutungen / Ovulationsblutungen können unter laufender Antikoagulation auch KOK gegeben werden. Eine östrogenhaltige Kontrazeption sollte jedoch spätestens sechs Wochen vor Absetzen der Antikoagulation auf ein Gestagenmonopräparat umgestellt werden. Dieses kann auch bei akuter VTE nach Absetzen der Antikoagulation weitergeführt werden.

Für die Verwendung von Levonorgestrel- oder Kupfer-Intrauterinsystemen (IUS) stellt eine vorangegangene VTE keine Kontraindikation dar.

Übergewicht und Adipositas als Herausforderung

Die signifikante Zunahme von Übergewicht und Adipositas bringt wachsende Probleme mit sich, da sie beispielsweise in der Schwangerschaft mit einer Vielzahl an Risiken verbunden ist. Hinzu kommt, dass adipöse Frauen, verglichen mit normalgewichtigen, ein deutlich höheres Risiko haben, an kardiovaskulären und thromboembolischen Ereignissen, Typ-2-Diabetes oder Krebs zu erkranken. Der Body-Mass-Index (BMI) liegt für normalgewichtige Frauen bei 18,5–24,9 kg/m², darüber spricht man von Übergewicht. Ab einem BMI von ≥ 30 kg/m² ist Adipositas Grad 1 gegeben, Grad 2 beginnt bei ≥ 35 kg/m², Grad 3 bei ≥ 40 kg/m².

Ob die Wirksamkeit von KOK vom BMI oder Körpergewicht abhängig ist, wird in Studien kontrovers diskutiert. Tatsächlich gibt es keine evidenten Belege dafür, dass der Pearl-Index für hormonelle Kontrazeptiva bei adipösen Frauen steigt. Allerdings sind die Daten für Adipositas Grad 2 oder 3 widersprüchlich. Deshalb lautet der Expertenkonsens bei Adipositas Grad 2 und 3 nicht hormonelle Kontrazeptiva oder IUS einzusetzen.

Da es Hinweise darauf gibt, dass die Wirksamkeit hormoneller Notfallkontrazeptiva bei adipösen Frauen reduziert ist, sollte in diesen Fällen ab Adipositas Grad 1 ein Kupfer IUS empfohlen werden.

Fazit

  • Die neue S3-Leitlinie fasst wichtige Studienergebnisse zusammen und bietet behandelnden Ärztinnen und Ärzten eine gute, evidenzbasierte Entscheidungshilfe für die individuell angepasste Verordnung hormoneller Kontrazeptiva.
  • Einige Themen der neuen Leitlinie, wie beispielsweise der Einfluss hormoneller Kontrazeptiva auf die Inzidenz verschiedener Karzinome, werden hier auf unserer Website HORMONSPEZIALISTEN.de in den nächsten Monaten aufgegriffen und detailliert besprochen.

 

Referenzen

[1] S3-Leitlinie Hormonelle Empfängnisverhütung. AWMF-Registernummer: 015-015. Stand: August 2019. Version: 1.0. Verfügbar unter: https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/015-015l_S3_Hormonelle_Empfaengnisverhuetung_2019-08_01.pdf. Letzter Zugriff: 20.10.2019.


Herzlich Willkommen

In unserem Hormonspezialisten-Portal finden Sie Infos und Services, die speziell für Ärzte entwickelt wurden.

Sie sind kein Arzt?
Entdecken Sie unsere Patiententseiten!

 

 

Entdecken Sie unsere Informations- und Fortbildungsplattform

Als Arzt sind Sie hier genau richtig, denn Hormonspezialisten ist Ihr Expertenportal rund um das Thema Sexualhormone mit interaktivem Experten-Board. Entdecken Sie unser umfangreiches Angebot oder melden Sie sich für weitere Services direkt per DocCheck Login an.

 

Nutzen Sie unsere weiteren Angebote


Das Portal für Männergesundheit

Alles zum Thema Wechseljahre