Männliche Infertilität – Testosteronmangel kann die Ursache sein

Bei vielen Paaren bleibt der ersehnte Kinderwunsch aus. Ein lang gehegtes Vorurteil, dass allein Frauen von Unfruchtbarkeit betroffen sind, ist immer noch weit verbreitet. Tatsächlich jedoch verteilen sich die körperlichen Ursachen von ungewollter Kinderlosigkeit bei etwa 40 % der Paare auf beide Partner. [1]


Wann liegt eine Fertilitätsstörung vor?

Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist eine Infertilität oder Sterilität zu diagnostizieren, wenn eine Schwangerschaft trotz regelmäßigem und ungeschütztem Geschlechtsverkehr über 24 Monate weiterhin ausbleibt. [1] Daneben wird noch zwischen zwei weiteren Arten von Fertilitätsstörungen unterschieden. Stellt sich nach sechs Monaten trotz regelmäßigen Geschlechtsverkehrs in der fruchtbaren Zeit keine Schwangerschaft ein, so liegt eine „leichte Subfertilität“ vor. Dies ist bei etwa 20 % der Kinderwunschpaare der Fall. Etwa 10 % aller Paare mit Kinderwunsch, der länger als 12 Zyklen nicht erfüllt wird, leiden an einer „erheblichen Subfertilität“. [2] Die Spermienqualität kann durch verschiedene Faktoren wie einen ungesunden Lebensstil und den Kontakt zu Umweltschadstoffen negativ beeinflusst werden. [3,4] Darüber hinaus können auch organische oder hormonelle Ursachen, z.B. ein Testosteronmangel, für eine schlechte Spermienqualität ursächlich sein. Diesbezüglich können sich Männer an einen Urologen oder Andrologen wenden.

Weitere Informationen zum Thema "unerfüllter Kinderwunsch" finden Sie hier.

Abklärung der männlichen Infertilität beim Arzt

Einige Untersuchungen können bei Verdacht auf Infertilität beim Mann Aufschluss geben:

  • Spermiogramm
  • Ultraschalluntersuchung des Hodens
  • Hormonanalyse
  • Ggf. Karyotypisierung zum Nachweis genetischer Anomalien

Spermiogramm

Das Spermiogramm dient dazu, die Anzahl sowie die Beweglichkeit und die Form der Spermien zu ermitteln. Nach Angaben der WHO zeichnet sich ein normales Spermiogramm (Normozoospermie) durch ein Ejakulatvolumen von ≥ 1,5 ml, einen pH-Wert von ≥ 7,2 sowie eine Spermienkonzentration von ≥ 15 Mio. Spermatozoen pro Milliliter aus. Weitere Merkmale sind eine Spermiengesamtzahl von ≥ 39 Mio. Spermatozoen und ein Anteil von ≥ 32 % progressiv bewegliche Spermien pro Ejakulat. Neben einer guten Beweglichkeit muss die Morphologie bei ≥ 4 % der Spermien normal sein. Der Anteil lebender Spermien sollte bei mindestens 50 % liegen. [5] Wenn keine Normozoospermie festgestellt werden kann, gilt es herauszufinden, warum beispielsweise eine verminderte Spermienzahl vorliegt oder die Beweglichkeit der Spermien eingeschränkt ist.

Ultraschalluntersuchung des Hodens und der Hodengefäße

Erkrankungen des Hodens gehören zu den wichtigsten Ursachen für Sterilität beim Mann. Mittels eines Ultraschalls lassen sich Veränderungen im Hodengewebe ermitteln, wie zum Beispiel Hodentumore oder eine Varikozele, welche wie auch andere Hodenerkrankungen der Grund für eine ungewollte Kinderlosigkeit sein können. Ebenfalls dazu zählen unterentwickelte Hoden, Hodenhochstand und Hodenentzündungen (Orchitis). Männer mit Hodenschädigungen dieser Art haben häufig eine reduzierte Testosteronproduktion und können infolgedessen an einem sogenannten primären Hypogonadismus leiden. Dieser ist gekennzeichnet durch einen niedrigen Testosteronspiegel bei gleichzeitig hohen LH (Luteinisierendes Hormon)- und FSH (Follikel stimulierendes Hormon)-Spiegeln. [6]

Hormonanalyse zur Abklärung hormoneller Ursachen

Neben organischen Ursachen können auch Störungen im Hormonhaushalt, welche die Spermiogenese beeinträchtigen, der Grund für die ungewollte Kinderlosigkeit sein. Dazu zählen:

  • Störungen der Schilddrüsenfunktion (Hypothyreose oder Hyperthyreose)
  • Hyperprolaktinämie
  • Hypogonadismus

Eine Über- oder Unterfunktion der Schilddrüse resultiert in einer reduzierten Konzentration, Beweglichkeit sowie einer veränderten Morphologie der Spermien. [7] Ein Prolaktinom, ein Tumor des Hypophysenvorderlappens, kann die Ursache für eine vermehrte Produktion von Prolaktin und damit einer Hyperprolaktinämie sein. Ein sekundärer Hypogonadismus ist häufig die Folge. Dieser kann jedoch auch durch bestimmte Medikamente, Missbrauch von Marihuana, übermäßigen Alkoholkonsum und verschiedene Erkrankungen (z.B. Adipositas oder Typ-2-Diabetes) ausgelöst werden. Beim Mann liegt laut der Leitlinie der European Association of Urology (EAU) ein Hypogonadismus vor, wenn folgende Kriterien zutreffen: Erstens muss der Gesamttestosteron-Spiegel unter 12,1 nmol/l oder der Spiegel des freien Testosterons unter 243 pmol/l im Serum betragen und zweitens muss der Mann an anhaltenden Symptomen leiden, die einen Testosteronmangel nahelegen. [6]

Was empfehlen die Leitlinien bei Hypogonadismus und Kinderwunsch?

Laut EAU-Leitlinie ist ein Hypogonadismus durch eine exogene Testosteronzufuhr mit Testosteronpräparaten gut behandelbar. Hierbei ist jedoch zu beachten, dass eine Testosterontherapie bei hypogonadalen Männern mit Kinderwunsch kontraindiziert ist. Dies lässt sich dadurch erklären, dass durch eine Testosterongabe die für die Spermiogenese erforderliche FSH-Sekretion aufgrund des negativen Feedbacks in der Hormonregulation stark gehemmt werden würde. Infolgedessen würde die Spermienproduktion noch weiter sinken. Daher sollte bei einem männlichen Hypogonadismus mit gleichzeitig vorliegender Infertilität eine Behandlung mit humanem Choriongonadotropin (hCG) in Kombination mit einer FSH-Behandlung in Betracht gezogen werden, insbesondere bei Männern mit niedrigen Gonadotropinen (sekundärer Hypogonadismus). Eine alleinige Behandlung mit hCG kann zu einer Suppression des FSH führen und so die Testosteronproduktion durch negative Rückkopplung weiter verringern. Diese Therapieform ist nicht für die Langzeittherapie des männlichen Hypogonadismus empfohlen, da bislang noch keine ausreichenden Informationen zu therapeutischen und unerwünschten Nebenwirkungen vorliegen. Eine Ausnahme stellt die Indikation zur Kinderwunschbehandlung dar. [6]

Weitere Ursachen männlicher Unfruchtbarkeit

Neben organischen und hormonellen Gründen für eine Subfertilität oder Infertilität beim Mann kommen auch andere Erkrankungen oder Ursachen in Betracht. Dazu zählen neben einem ungesunden Lebensstil oder viralen Infektionen auch genetische Anomalien wie das Klinefelter-Syndrom. [3,6,8] Hier liegt beim Mann ein zusätzliches X-Chromosom vor. Von 1.000 männlichen Neugeborenen sind etwa 1–2 Jungen betroffen. Klinefelter-Patienten weisen einige typische klinische Symptome auf. Hierzu zählen unter anderem Gynäkomastie, reduzierter Bartwuchs / Körperbehaarung, unterentwickelte Hoden und häufig eine verminderte Testosteronproduktion (primärer Hypogonadismus). In Folge ist dann auch die Spermienproduktion reduziert, sodass sich im Ejakulat der Patienten entweder zu wenige Spermien (Oligospermie) oder gar keine Spermien (Azoospermie) befinden und sie damit unfruchtbar sind. [8]

Fazit

Untenstehend nochmal die wichtigsten Punkte zum Thema Testosteronmangel und Kinderwunsch zusammengefasst:

  • Eine Infertilität liegt laut WHO dann vor, wenn sich nach 24 Monaten mit regelmäßigem und ungeschütztem Sexualverkehr keine Schwangerschaft einstellt. [1]
  • Bei ca. 40 % der Paare liegen bei beiden Geschlechtern Fertilitätsstörungen vor. [1]
  • Die Spermienqualität sowie organische, hormonelle oder genetische Ursachen für eine Infertilität können bei einem Urologen oder einem Andrologen bestimmt bzw. abgeklärt werden.
  • Zu möglichen hormonellen Ursachen zählen eine Hyperprolaktinämie, ein Hypogonadismus oder Störungen der Schilddrüsenfunktion (Hypothyreose oder Hyperthyreose). [6,7]
  • Mögliche organische Ursachen sind häufig Varikozelen oder andere Hodenerkrankungen wie Hodenhochstand, Hodentumoren oder Hodenentzündungen. [6]
  • Bei infertilen Männern mit sekundärem Hypogonadismus und gleichzeitigem Kinderwunsch ist eine Testosterontherapie laut EAU-Leitlinie kontraindiziert; stattdessen wird eine kombinierte Behandlung aus hCG und FSH zur Stimulation der endogen Testosteronproduktion empfohlen. [6]

Referenzen

[1] Gesundheitsberichterstattung des Bundes. Heft 20. Ungewollte Kinderlosigkeit. http://www.gbe-bund.de/pdf/Heft20.pdf. Letzter Zugriff 24.03.2020.
[2] Gnoth C, Frank-Herrmann P, Freundl G et al. Zur Definition und Prävalenz von Subfertilität und Infertilität. J Reproduktionsmed Endokrinol 2004; 1 (4): 272–278.
[3] Wogatzky J, Wirleitner B, Stecher A et al. The combination matters – distinct impact of lifestyle factors on sperm quality: a study on semen analysis of 1683 patients according to MSOME criteria. Reproductive Biology and Endocrinology 2012; 10:115.
[4] McCray N, Thompson L, Branch F et al. Talking about public health with Afro American Men: Perceptions of Environmental Health and Infertility. Am J Mens Health 2020; 14(1): 1–11.
[5] WHO laboratory manual for the Examination and processing of human semen, WHO 5th ed. WHO Juni 2010. Online unter: http://apps.who.int/iris/bitstream/10665/44261/1/9789241547789_eng.pdf. Letzter Zugriff 24.03.2020.
[6] Dohle GR, Arver S, Bettocchi C et al. Guidelines on male hypogonadism. European Association of Urology 2018. Online unter: https://uroweb.org/male-hypogonadism. Letzter Zugriff 24.03.2020.
[7] La Vignera S, Vita R. Thyroid dysfunction and semen quality. Int J Immunopathol Pharmacol 2018; 32: 1–5.
[8] Bonomi M, Rochira V, Pasquali D et al. Klinefelter syndrome (KS): genetics, clinical phenotype and hypogonadism. J. Endocrinol. Invest. 2017; 40: 123–134.


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