Hormonersatztherapie (HRT) hat positive Effekte auf Lungenfunktion und reduziert Krebsrisiko

Die weiblichen Hormone haben auch Auswirkungen auf die Lunge der Frau – das ließen bereits zahlreiche frühere Studienergebnisse vermuten. Nun wurde in einer großen europäischen Langzeituntersuchung gezeigt, dass die Lungenfunktion bei Frauen in der Peri- und Postmenopause tatsächlich leidet – und das über den zu erwartenden „altersnormalen“ Rückgang hinaus. [1] Wenden Frauen hingegen eine Hormonersatztherapie (HRT) an, kann das einer übermäßigen Verschlechterung der Lungenfunktion sogar entgegenwirken. [2] Aber auch auf das Risiko der Entstehung eines Lungenkarzinoms (NSCLC) kann sich eine HRT positiv auswirken: In einer aktuellen Studie war die HRT mit einem 20%igen Rückgang des NSCLC-Risikos assoziiert. [3] Hierbei profitierten Raucherinnen besonders. Oft ist dabei für Frauen, die ihre Wechseljahresbeschwerden mit einer HRT behandeln, eine transdermale Applikation von Vorteil: Ihr attestiert die aktuelle S3-Leitlinie ein besonders gutes Nutzen-Risiko-Verhältnis. [4]


Die Menopause läutet bei Frauen ihre nicht reproduktive Phase des Lebens ein. Wenn die Monatsblutungen unregelmäßiger werden und später komplett ausbleiben, kann es zu den typischen Beschwerden wie Hitzewallungen, Schweißausbrüche, Trockenheit im Genitalbereich, Schlaflosigkeit, aber auch zu Osteoporose und zur Risikoerhöhung für die Entwicklung eines Diabetes mellitus oder kardiovaskulärer Erkrankungen kommen. Hormonelle Ursache der Beschwerden ist die Abnahme bzw. das Sistieren der 17β-Estradiol-Produktion in den Ovarien und das Ansteigen des FSH (follikelstimulierendes Hormon) und LH (luteinisierendes Hormon). Man weiß aber auch, dass ein niedriger 17β-Estradiol-Spiegel mit einer Zunahme der pulmonalen Inflammation assoziiert sein kann. [5] So sind z. B. die Entzündungsmarker CRP und IL-6 negativ mit den Lungenfunktionsparametern FVC und FEV1 assoziiert (forcierte Vitalkapazität; Einsekundenkapazität). [6] Diese Erkenntnisse legen einen Zusammenhang zwischen Wechseljahren und Lungenfunktion nahe.

Lunge leidet unter den Wechseljahren

Und tatsächlich konnte eine große europäische Studie genau diesen Zusammenhang klar nachweisen (ECRHS; European Community Respiratory Health Survey). [1] In die longitudinale Langzeit-Studie wurden in 19 europäischen Zentren über 1.400 Frauen eingeschlossen und im Durchschnitt über etwa 20 Jahre beobachtet. Bestimmt wurden regelmäßig der Menstruations- sowie Hormonstatus sowie Lungenfunktionsparameter und weitere allgemeine Gesundheitsdaten (z. B. Raucherstatus und Körpergewicht). Die Studie zeigte, dass sich die mittlere FVC in der Perimenopause im Vergleich zum altersbedingten Rückgang während einer regelmäßigen Menstruation um zusätzliche 10,2 ml pro Jahr verringerte. In der Postmenopause betrug der Wert der zusätzlichen FVC-Abnahme sogar 12,5 ml/Jahr. Auch die FEV1 zeigte eine entsprechende Beeinflussung durch die Menopause (zusätzliche Abnahme um 3,8 ml/Jahr bzw. 5,2 ml/Jahr). Die Effekte zeigten sich für die FVC deutlicher als bei der FEV1, was auf eine überwiegend restriktive Lungenfunktionsstörung hinweist. Alle Werte wurden adjustiert ausgewiesen, also Einflussvariablen wie Alter und Gewicht aus den Unterschieden herausgerechnet. Die hormonellen Veränderungen in der Perimenopause und postmenopausal scheinen demnach einen unabhängigen negativen Einfluss auf die Lungenfunktion der Frau zu haben, der über den „normalen“ Alterungsprozess hinaus geht. Das konnte in der Studie in dieser Form erstmals überhaupt in einem populationsbasierten Langzeitverlauf gezeigt werden.

Die Reduzierung der Lungenkapazität, die gemäß der Studie durch die hormonellen Veränderungen in den Wechseljahren verursacht ist, entspricht in etwa einer Lungenschädigung, die durch das Rauchen von 20 Zigaretten pro Tag über zehn Jahre entsteht!

Mit Hormonersatztherapie Lungenfunktion erhalten

In der zuvor beschriebenen ECRHS-Studie erhielt keine der Frauen eine HRT (Hormone Replacement Therapy; Hormonersatztherapie). Da eine HRT aber bekanntermaßen die typischen menopausalen Beschwerden bessern kann, stellten sich die Autoren die Frage, inwieweit eine HRT nicht auch die negativen pulmonalen Effekte reduzieren oder abwenden kann. Deshalb selektierten sie aus dem ECRHS-Datensatz 275 Frauen, die im Verlauf der Studie eine orale HRT erhalten hatten, und verglichen diese mit 383 Frauen ohne HRT. [2]

Das Ergebnis: Bei den Frauen, die eine orale HRT für mindestens fünf Jahre erhalten hatten, verschlechterten sich die Lungenfunktionswerte langsamer als bei Frauen ohne Hormonersatztherapie. Wurde die HRT zwischen sechs und zehn Jahren angewendet, führte das zu einem signifikanten Erhalt von Lungenkapazität von im Durchschnitt 5,6 ml/Jahr. Bei einer HRT von mehr als zehn Jahren betrug der Wert sogar 8,9 ml/Jahr. Es fand sich also ein „dauerabhängiger“ positiver Effekt der HRT auf die Lungenfunktion.

Ob der Erhalt von Lungenfunktion durch eine HRT während der Peri- und Postmenopause eine klinisch relevante Auswirkung auf die untersuchten Frauen hatte, wurde in der Studie nicht bewertet. Auf jeden Fall verdeutlichen die ECRHS-Daten aber das Prinzip des Einflusses der hormonellen Veränderungen auf die Lunge und die Tatsache, dass eine HRT diesbezüglich einen gewissen protektiven Effekt aufweist.

Gute Nachricht für Raucherinnen: mit HRT weniger Lungenkarzinome

Einen ganz anderen, für die betroffenen Patientinnen aber klinisch durchaus relevanten Effekt, zeigte eine aktuelle Studie, die sich mit dem Lungenkarzinom-Risiko unter HRT beschäftigte. [3] Hintergrund ist, dass geschätzte 20 bis 50 % aller neu diagnostizierten Lungenkarzinome bei Frauen auftreten, die nie geraucht haben – es scheint also auch ätiologische Faktoren außerhalb des Qualms zu geben. Deshalb wurden die Daten des „Prostate, Lung, Colorectral, and Ovarian Cancer Screening Trial“ der Jahre 1993 bis 2001 ausgewertet und dabei besonders auf Frauen zwischen 50 und 74 Jahren geblickt, die entweder eine HRT angewendet hatten oder nicht (49,4 % wendeten zum Zeitpunkt der Studienrandomisierung eine HRT an, 17,0 % hatten zuvor einmal eine HRT erhalten und 33,6 % waren „never users“). Insgesamt wurden über 75.000 Frauen eingeschlossen.

Im Vergleich zu Frauen, die noch nie eine HRT erhalten hatten, war das Risiko für ein nicht kleinzelliges Lungenkarzinom (NSCLC) bei aktuell eine HRT anwendenden Probandinnen hoch signifikant um 20 % reduziert (Hazard Ratio 0,80; 95%-KI 0,70–0,93; p = 0,009). Dabei erhöhte weder eine HRT noch eine orale Kontrazeption die Gesamtmortalität oder die krankheitsspezifische Sterblichkeit signifikant. Was allerdings einen sehr bedeutenden Einfluss hatte, war der Raucherstatus der Frauen: Bei Nichtraucherinnen (aktuell und früher, also sogenannte „Niemalsraucherinnen“) zeigte sich kein Unterschied in der Lungenkrebshäufigkeit. Hatten die Frauen jedoch jemals in ihrem Leben geraucht, reduzierte die HRT das NSCLC-Risiko signifikant. Welche Form der HRT die Frauen in der Studie erhalten hatten, wertete die Studie allerdings nicht aus.

Transdermale HRT mit Vorteilen

Zu der Frage, in welcher Form eine HRT am besten angewendet werden sollte, gab zwar die genannte Studie keine Auskunft – die aktuelle AWMF-S3-Leitlinie zur Peri- und Postmenopause hingegen schon (und das völlig unabhängig vom Raucherstatus der Frauen). [4] Zwei Statements mit Empfehlungsgrad A favorisieren die transdermale Anwendung:

„Frauen sollten darüber informiert werden, dass das Thromboembolierisiko unter oraler ET und EPT erhöht ist und höher ist als bei transdermaler Applikation“ (evidenzbasierte Empfehlung 3.E13; ET = Behandlung mit Östrogenen, EPT = Behandlung mit Östrogenen und Gestagenen).

„Frauen sollen darüber informiert werden, dass eine orale EPT das Risiko für ischämische zerebrovaskuläre Ereignisse möglicherweise erhöht, nicht aber eine transdermale ET“ (evidenzbasierte Empfehlung 3.E14).

Fazit

  • Während der Peri- und Postmenopause der Frau verschlechtert sich deren Lungenfunktion zusätzlich zum „normalen“ Alterungsprozess. Ursache ist vermutlich die Veränderung der Hormonspiegel im Blut. [1]
  • Bei Frauen, die eine orale Hormonersatztherapie (HRT) einnehmen, fällt die Abnahme der Lungenfunktion geringer aus als ohne HRT. [2]
  • Auch auf die Entstehung des Lungenkarzinoms haben weibliche Hormone einen Einfluss: Frauen, die eine HRT erhalten, erkranken seltener am nicht kleinzelligen Lungenkarzinom (NSCLC) – besonders, wenn sie Raucherinnen sind oder in der Vergangenheit waren. [3]
  • In den aktuellen Leitlinien zur Peri- und Postmenopause wird speziell der transdermalen HRT ein positives Nutzen-Risiko-Verhältnis attestiert. [4]


Referenzen

[1] Triebner K et al. Menopause is associated with accelerated lung function decline. Am J Respir Crit Care Med 2017; 195: 1058-65.
[2] Triebner K et al. Exogenous female sex steroids may reduce lung ageing after menopause: A 20-year follow-up study of a general population sample (ECRHS). Maturitas 2019; 120: 29-34.
[3] Titan AL et al. The influence of hormone replacement therapy on lung cancer incidence and mortality. J Thorac Cardiovasc Surg 2020; 159: 1546-56.
[4] S3-Leitline “Peri- und Postmenopause – Diagnostik und Intervention”, AWMF-Registernummer 015-062, Januar 2020.
[5] Zhao J et al. Genetically predicted 17β-estradiol and systemic inflammation in women: a separate-sample Mendelian randomisation analysis in the Guangzhou Biobank Cohort Study. J Epidemiol Community Health 2014; 68: 780-5.
[6] van Rooyen Y et al. Inflammation as possible mediator for the relationship between lung and arterial function. Lung 2016; 194: 107-15.


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