Gestagenpillen: Sichere Verhütung für jederfrau

Niedrig dosierte kombinierte orale Kontrazeptiva (Mikropillen) sind weit verbreitet, allerdings nicht für jede Patientin gleichermaßen gut geeignet. [1] Reine orale Gestagenpräparate bieten für die meisten Frauen eine gute Alternative. [1,2] Dabei stehen neuere Präparate mit dem Wirkstoff Desogestrel der Mikropille auch in Sachen Verhütungsschutz in nichts nach. [2,3]


Minipille oder östrogenfreie Pille – das Gestagen macht den Unterschied

Zu den in Deutschland verfügbaren Gestagenpillen zählen die sogenannte Minipille sowie die neuere „östrogenfreie Pille“. [2] Beide sind als reine Monopräparate grundsätzlich frei von Östrogen. Während die Minipille pro Tablette 30 µg Levonorgestrel enthält, sind es in der östrogenfreien Pille 75 µg Desogestrel. [2] Damit liegt die täglich zugeführte Desogestrel-Dosis über der Ovulationshemmdosis von 60 µg pro Tag, sodass der Eisprung in bis zu 99 % der Zyklen gehemmt wird. [4] Damit bietet die östrogenfreie Pille einen vergleichbaren Verhütungsschutz wie kombinierte orale Kontrazeptiva (KOK). [2,3] Die Ovulationshemmdosis von Levonorgestrel liegt ebenfalls bei 60 µg pro Tag. Da die Minipille jedoch nur 30 µg Levonorgestrel enthält, wird der Eisprung nur in ca. 40 % der Zyklen gehemmt, die kontrazeptive Wirksamkeit ist somit niedriger. [5]

Unterstützt wird die kontrazeptive Wirkung beider Gestagenpillen zusätzlich durch eine Verdickung des Zervixschleims, Nidationshemmung und eine veränderte Tubenmotilität, aus der eine Störung des Eitransports resultiert. [2] Wie auch bei der Mikropille (Pille mit ≤ 35 µg Ethinylestradiol) steht Anwenderinnen der östrogenfreien Pille aufgrund der effektiven Hemmung des Eisprungs bei vergessener Einnahme ein großzügiges 12-stündiges Zeitfenster zum Nachholen der Einnahme zur Verfügung. [1] Auch dies erhöht die kontrazeptive Wirksamkeit der östrogenfreien Pille gegenüber der Minipille, die täglich konsequent innerhalb eines Zeitfensters von nur 3 Stunden angewendet werden muss. [1]

Wenige Risiken, mehr Sicherheit

Beide Gestagenpillen bieten Anwenderinnen im Hinblick auf gesundheitliche Risiken zahlreiche Vorteile: Wie eine aktuelle Meta-Analyse kürzlich bestätigte, erhöhen diese im Gegensatz zu KOK weder das Risiko für venöse Thromboembolien, noch für Herzinfarkte, Schlaganfälle oder Bluthochdruck. [6] Lediglich das Brustkrebsrisiko scheint bei Gestagenpillen ebenso wie bei KOK leicht erhöht zu sein gegenüber Frauen, die nicht hormonell verhüten. [1]

Für welche Patientinnen wird die Gestagenpille empfohlen?

Reine Gestagenpillen sind aufgrund ihres vorteilhaften Nebenwirkungsprofils für fast alle Frauen geeignet, insbesondere auch für viele Risikopatientinnen, bei denen ein KOK unter Umständen kontraindiziert ist (Tab. 1). [2,7]

Tabelle 1: Hormonale Kontrazeptiva bei Frauen mit Risikofaktoren (modifiziert nach WHO 2015 [7])

 KOKGestagenpillen
Stillende Mütter ab 6 Wochen nach der GeburtNEINJA
Raucherin ≥ 35 JahreNEINJA
BluthochdruckNEINJA
Bekannte ThrombophilieNEINJA
Multiple Risikofaktoren für arterielle Herz-Kreislauf-ErkrankungenNEINJA
Schlaganfall, koronare Herzkrankheit/Myokardinfarkt, venöse Thromboembolie in der AnamneseNEINJA
Diabetes mellitusJAJA
Erhöhte BlutfettwerteJAJA
Migräne > 35 Jahre oder fokale SymptomeNEINJA
Brustkrebs/Eierstockkrebs in der FamilieJAJA
Brustkrebs in der AnamneseNEINNEIN

Gestagenpille: weitere Vorteile

Gegenüber den klassischen KOK hat die Gestagenpille zahlreiche weitere Vorteile. Auf der Hand liegt der Wegfall typischer östrogenbedingter Nebenwirkungen, wie zum Beispiel Übelkeit, Ödemneigung, Brustspannen oder Kopfschmerzen. [1,2] Da die Gestagenpille kontinuierlich ohne Pause eingenommen wird, bleibt zudem der Hormonspiegel konstant, sodass auch zyklusassoziierte Beschwerden wie Dysmenorrhoe, prämenstruelles Syndrom, Hypermenorrhoe oder die menstruelle Migräne entfallen. [2]

… und mögliche Nachteile

Zu den möglichen Nachteilen zählen vor allen Dingen Zwischenblutungen, die jedoch überwiegend während der ersten Einnahmemonate auftreten und keinen Einfluss auf die Wirksamkeit der Pille haben. Danach kommt es in der Regel zu einer Amenorrhoe, die die meisten Anwenderinnen als positiv empfinden. [1,2] Gelegentlich kann es unter der Einnahme einer Gestagenpille zu Ovarialzysten kommen. [1] Die meisten KOK enthalten als Östrogenkomponente das künstliche Ethinylestradiol, welches die Konzentration des Sexualhormon-bindenden Globulins (SHBG) im Körper erhöht. SHBG bindet Androgene wie Testosteron, sodass alle KOK eine gewisse antiandrogene Wirkung aufweisen – denn je höher das SHBG, desto mehr des freien Testosterons wird gebunden. Wie stark die antiandrogene Wirkung eines KOK ist, hängt allerdings auch noch davon ab, ob es zusätzlich ein antiandrogen wirksames Gestagen (z. B. Dienogest oder Chlormadinonacetat) enthält. Dies kann vor allem für Patientinnen mit Androgenisierungserscheinungen wie Akne oder Haarausfall von Bedeutung sein. Im Gegensatz zu KOK weisen Gestagenpillen keine explizite antiandrogene Wirksamkeit auf. [1]

Fazit

Der aktuelle Stand zum Thema Gestagenpille lässt sich wie folgt zusammenfassen:

  • Bei den Gestagenpillen unterscheidet man zwischen Levonorgestrel-haltigen Minipillen und östrogenfreien Pillen mit dem Wirkstoff Desogestrel. [2]
  • Im Gegensatz zu Minipillen unterdrücken östrogenfreie Pillen den Eisprung nahezu komplett und verhüten deshalb ebenso zuverlässig wie eine Mikropille. [2,5]
  • Gestagenpillen bergen im Vergleich zur Mikropille ein geringeres Risiko für Thromboembolien, Herzinfarkte, Schlaganfälle und Bluthochdruck. [7]
  • Aufgrund des vorteilhaften Sicherheitsprofils sind Gestagenpillen für nahezu alle Frauen geeignet, darunter stillende Mütter und Frauen mit Risikofaktoren wie höherem Alter, erhöhtem Thromboserisiko oder Übergewicht. [2,7]
  • Weitere Vorteile ergeben sich aus dem Wegfall östrogenbedingter Nebenwirkungen und fehlenden Hormonschwankungen infolge der durchgehenden Einnahme. [1,2]
  • Zu den möglichen Nachteilen zählen vorwiegend während der ersten Einnahmemonate auftretende Zwischenblutungen, Ovarialzysten und die fehlende antiandrogene Wirkung. [1,2]

 

Referenzen

[1] McGregor, A. (2015). Oral contraception: properties and side-effects of COCs and POPs. Prescriber. 24(18):19-32.
[2] Regidor, P.A. (2018). The clinical relevance of progesterons in hormonal contraception: Present status and future developments. Oncotarget. 9(77): 34628-38.
[3] Fachinformation Evakadin®, DR. KADE / BESINS Pharma GmbH. Stand: November 2018.
[4] Ahrendt, H.J., et al. (2007). The effects of an oestrogen-free, desogestrel-containing oral contraceptive in women with cyclical symptoms: results from two studies on oestrogen-related symptoms and dysmenorrhoea. Eur J Contracept Reprod Health Care. 12(4): 354-61.
[5] Rice CF et al. A comparison of the inhibition of ovulation achieved by desogestrel 75 micrograms and levonorgestrel 30 micrograms daily. Hum Reprod. 1999;14(4):982-5.
[6] Glisic, M., et al. (2018). Association between progestin-only contraceptive use and cardiometabolic outcomes: A systematic review and meta-analysis. Eur J Prev Cardiol. 25(10):1042-52.
[7] World Health Organisation (WHO) (2015). Medical eligibility criteria for contraceptive use. A WHO family planning cornerstone. 5. Ausgabe. https://apps.who.int/iris/bitstream/handle/10665/181468/9789241549158_eng.pdf;jsessionid=7ED5FC15F5921968F1F6EC2B4F0D2E61?sequence=1 Abruf 29.01.2019.


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