Frühgeburten vorhersehen und verhindern – was gab es dazu auf dem DGGG-Kongress?

Die Frühgeburtlichkeit gehörte zu den spannendsten Themen auf dem 63. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe e.V. Anfang Oktober in München. Mit rund neun Prozent weist Deutschland im internationalen Vergleich noch immer eine überdurchschnittlich hohe Frühgeburtenrate auf. Da sie wesentlich zur perinatalen Morbidität und Mortalität beiträgt, hat die Frühgeburt eine weiterhin hohe klinische Relevanz. Frühgeborene Kinder haben ein signifikant erhöhtes Risiko, in ihrer psychomotorischen Entwicklung zurückzubleiben, zudem gehört die Frühgeburt zu den Hauptrisikofaktoren für verlorene Jahre aufgrund von Krankheit, Behinderung oder frühem Tod (Disability-Adjusted Life Years).


Prädiktion und Risikoabschätzung

Nach dem von Prof. Richard Berger (Neuwied) auf dem Kongress vorgestellten Update [1] der S2K-Leitlinie „Prävention und Therapie der Frühgeburt“ bleibe die Zervixlänge ein wichtiger Messwert zur Risikoabschätzung, der aber auch seine Schwächen habe. Zur Senkung falsch positiver Vorhersagen könne die ergänzende Bestimmung von Biomarkern wie PAMG-1 hilfreich sein. Dieser erlaube eine bessere Prädiktion der Frühgeburt und führe zu weniger falsch positiven Befunden als Fibronektin. In einer wissenschaftlichen Sitzung zu Prädiktion, Prävention und Management ordnete PD Dr. Holger Maul (Hamburg) die verfügbaren Prädiktoren der Frühgeburt ein. Von einem Screening asymptomatischer Patientinnen mit unkomplizierter Einlingsschwangerschaft riet er ab, da hier die Nachteile unnötiger Ängste oder überflüssiger Therapien überwögen – zumal die Zervixlänge als bisher bester verfügbarer Prädiktor großen Schwankungen unterliege. [2] PD Dr. Yves Garnier (Osnabrück) erklärte dies später in seinem Vortrag mit Faktoren wie Blasenfüllung oder Schleimbildung unterhalb der Fruchtblase, die die Messung der Zervixlänge verfälschen könnten. PD Dr. Johannes Stubert (Rostock) zeigte anhand einer prospektiven Kohortenanalyse mit 109 Patientinnen, dass sich der in der Vergangenheit diskutierte zervikouterine Winkel bei Vorliegen weiterer Risikofaktoren nicht für die Abschätzung des Frühgeburtenrisikos eigne. In der Kohorte habe der durchschnittliche Winkel mit 103° deutlich über dem an einem Niedrigrisikokollektiv definierten Grenzwert von 95° gelegen. Die Quantifizierung von Thrombospondin 1 im Zervikovaginalsekret habe sich dagegen in der Studie als hilfreich erwiesen. [3]

Prävention

PD Dr. Ruben Kuon (Heidelberg) befasste sich in der Sitzung mit Präventionsstrategien und gab einen Überblick über die diesbezüglichen Empfehlungen der S2k-Leitlinie. [1] Von den bekannten Methoden erhielten danach allein die Progesterongabe bei Einlings- und Zwillingsschwangerschaft mit kurzer Zervix (≤25mm) vor 24+0 SSW [4] und die Nikotinkarenz [5] den Empfehlungsgrad „stark“. Das Zervix-Pessar könne zwar ähnlich gute Ergebnisse aufweisen, führe aber zu deutlich mehr Nebenwirkungen wie Ausfluss oder Diskomfort. PD Dr. Yves Garnier (Osnabrück) präsentierte in seinem Vortrag ein Stufenkonzept zur Frühgeburtenprävention. Nach diesem Konzept wird in der Primärprävention bei einer Frühgeburt in der Anamnese vor der 34. SSW oder einem Spätabort keine Cerclage empfohlen, sondern ein Früher Totaler Muttermund-Verschluss (FTMV). Nach einer Frühgeburt in der 34. bis 37. SSW sei dagegen die primäre Gabe von Progesteron (12+6 bis 36+6 SSW) indiziert. In der Sekundärprävention aufgrund einer Zervixverkürzung empfahl Garnier bei einer Zervixlänge von 20-30 mm in der 18. bis 22. SSW vaginales Progesteron, unter 20 mm vor der 24. SSW eine Cerclage. In der Tertiärprävention bei geöffnetem Muttermund plädierte er vor der 24. SSW für eine Notfallcerclage, zwischen SSW 24 und 32 bei Öffnung unter 25 mm für ein Pessar.

Ziel der aktualisierten S2k-Leitlinie ist eine optimierte Betreuung von Patientinnen mit drohender Frühgeburt sowohl in der ambulanten wie in der stationären Versorgung, um eine Senkung der noch immer zu hohen Frühgeburtenrate zu erreichen.

Referenzen

[1] Berger R et al. Geburtsh Frauenheilk. 2019; 79:800-12. DOI: 10.1055/a-0903-2671.
[2] Son M et al. Am J Obstet Gynecol. 2016 Mar; 214(3):365.e1-5. DOI: 10.1016/j.ajog.2015.12.020.
[3] Stubert J et al. Geburtsh Frauenheilk. 2020; 80(10):e81. DOI: 10.1055/s-0040-1717181.
[4] Romero R et al. Ultrasound Obstet Gynecol. 2016; 48:308-17. DOI: 10.1002/uog.15953.
[5] Moore E et al. Am J Obstet Gynecol. 2016; 215:109.e106. DOI: 10.1016/j.ajog.2016.01.167.


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