Fast alle Gynäkologen/innen in Deutschland ziehen HRT für sich selbst oder Partnerin in Erwägung

Die WHI-Studie (Women’s Health Initiative) aus dem Jahre 2002 ist berühmt und berüchtigt zugleich – hat sie doch mit ihren kritischen Ergebnissen zur Sicherheit der Hormonersatztherapie (HRT) bei Menopause-Beschwerden zu einem deutlichen Rückgang der HRT-Verschreibungen geführt. [1] Und das zu unrecht, wie spätere Datenauswertungen zeigen konnten. [2] Heute hat die HRT bei nahezu allen Gynäkologen ein positives Image [3], und fast alle Frauenärztinnen in Deutschland würden sie selbst anwenden, wie eine große Umfrage unter privatärztlich tätigen Gynäkologinnen zeigte. [4] Und auch die große Mehrheit (männlicher) Gynäkologen würde ihren Partnerinnen eine HRT sehr empfehlen. [4] Die kritische Berichterstattung der Medien zur WHI-Studie hat bei Patientinnen hingegen deutliche Spuren hinterlassen – bis heute: Patientinnen entscheiden sich nach wie vor signifikant seltener für eine HRT, als Ärztinnen diese für sich selbst oder Ärzte diese für ihre Partnerinnen in Erwägung ziehen. [4]


Die WHI-Studie, deren erste Ergebnisse 2002 publiziert wurden, erzielte wegen ihrer kontroversen Aussagen zur Hormonersatztherapie (HRT) weltweit große Resonanz. Die Anzahl an Frauen, die eine HRT zur Linderung von klimakterischen Beschwerden einsetzte, nahm infolge dessen zunächst rapide ab. [1]  Mittlerweile wurden allerdings zahlreiche neue Auswertungen der WHI-Daten publiziert, die ein wesentlich differenzierteres Bild der HRT und deren Risiken zeichneten – u. a. zeigte sich in dem WHI-Studienkollektiv, das Östrogen-Monopräparate bereits in einem vergleichsweise frühen Alter erhalten hatte, sogar positive kardiovaskuläre Effekte. [2] Wie dieses „Studiendaten-Hin-und-Her“ die Einstellung von Gynäkologen zur HRT beeinflusste, wurde in einer Umfrage unter knapp 10.000 Frauenärzten aus Deutschland untersucht. [3]

Medien erschweren rationale Aufklärung von Patientinnen

Im November 2010 versendeten die Forscher exakt 9.589 Fragebögen an gynäkologische Privatpraxen, von denen 26,6 % beantwortet wurden. 82,2 % der teilnehmenden Gynäkologen gaben an, ihre Entscheidung für bzw. wider eine HRT oder alternative Methode träfen sie in Abhängigkeit der Schwere der Symptome. 9,1 % würden ihren Patientinnen eine HRT stets als erste Maßnahme empfehlen. Diese Empfehlung wurde von signifikant mehr (männlichen) Gynäkologen als (weiblichen) Gynäkologinnen ausgesprochen (14,3 versus 6,1 %). 26,2 % der Befragten nannten ein Patientinnen-Höchstalter für die HRT von im Durchschnitt 63 Jahren. Der Großteil der Gynäkologen (79,8 %) gab zudem an, dass ihre Patientinnen nach der öffentlichen Diskussion um die WHI-Ergebnisse zunehmend kritisch gegenüber einer HRT eingestellt seien. Und knapp die Hälfte der Ärzte (43,9 %) mussten feststellen, dass die Medien generell Frauen nur unzureichend oder falsch über eine HRT informiert hätten. Das führte zu einem deutlichen Rückgang der HRT-Verschreibungen, wie 72 % der Gynäkologen berichteten. [3]

Die Hauptindikation, für die eine HRT verordnet wurde, stellten vor dem Jahr 2002 vasomotorische Symptome dar (97,4 %). Dieser Anteil nahm zwischen 2003 und 2008 leicht ab (92,6 %), um dann wieder knapp das „Vor-WHI-Niveau“ zu erreichen (96,7 %). Deutlich dramatischer fiel allerdings der Rückgang der Verschreibungen für die Indikationen „Osteoporose-Prävention“, „kardiovaskuläre Prävention“ und „Verbesserung des allgemeinen Wohlbefindens“ aus (-32,7 %, -24,8 % und -23,8 %). [3]

Insgesamt, so die Autoren, haben Gynäkologen in Deutschland generell eine positive Einstellung gegenüber der HRT und legen dabei besonderen Wert auf eine rationale Nutzen-Risiko-Abwägung. Die Aufklärung von Patientinnen wird jedoch, so ein weiteres Fazit, durch eine unzureichende Berichterstattung der Medien erschwert. [3]

Die allermeisten Gynäkologinnen ziehen eine HRT für sich selbst in Erwägung

Welchen Stellenwert die HRT für Gynäkologen tatsächlich hat, zeigte eine weitere Studie, die evaluierte, inwieweit Frauenärztinnen für sich selbst bzw. Frauenärzte für ihre Partnerinnen eine HRT in Erwägung ziehen. [4] Es wurden die Daten von wiederum knapp 10.000 Fragebögen ausgewertet, von denen 33,7 % von Inhabern gynäkologischer Privatpraxen beantwortet wurden. Das Ergebnis: Nahezu alle befragten Ärzte/innen favorisierten für sich selbst oder ihre Partnerinnen eine HRT (96 % der Gynäkologinnen und 98,5 % Gynäkologen). Im Vergleich zu den Verschreibungen für Patientinnen zeigten sich dabei allerdings signifikante Diskrepanzen: So wendeten Gynäkologinnen und Partnerinnen von Gynäkologen für die Indikation „kognitive Erkrankungen“ in 40,5 % der Fälle eine HRT an – Patientinnen erhielten aber nur in 27,1 % der Fälle eine Verschreibung. Ein vergleichbar großer Unterschied fand sich auch für die Indikation „Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen“ (22,0 versus 14,0 %). [4]

Auch in dieser Studie konkludieren die Autoren, dass Gynäkologen in Deutschland generell ein positives Bild von der HRT haben. Da sie aber eine HRT-Therapie für sich selbst oder ihre Partnerinnen häufiger in Betracht ziehen als für Patienten, scheint es diesbezüglich eine Unterversorgung von Patientinnen in Deutschland mit wirkungsvollen Behandlungen klimakterischer Beschwerden zu geben. [4]

Fazit

  • Die HRT (Hormonersatztherapie) hat bei den allermeisten Gynäkologen in Deutschland ein gutes Image. [3]
  • Die allermeisten Frauenärztinnen würden eine HRT selbst anwenden, bzw. über 95 % der Frauenärzte würden eine solche ihren Partnerinnen empfehlen. [4]
  • Der Anteil an Patientinnen, die sich für eine HRT entscheiden, ist in Deutschland signifikant kleiner als die Zahl von Gynäkologinnen, die sie für sich selbst in Erwägung ziehen. Gleiches gilt für Gynäkologen und eine HRT-Empfehlung für deren Partnerinnen. [4]
  • Die unausgeglichene Berichterstattung der Medien zur WHI-Studie aus 2002 verursacht bis heute eine Minderversorgung von Patientinnen, die unter Wechseljahresbeschwerden leiden. [3]

 

Referenzen

[1] Manson J, Kaunitz A: Menopause Management – Getting Clinical Care Back on Track. N Engl J Med 2016; 374: 803-6
[2] Mueck AO: WHI-Autoren mahnen: Millionen von Frauen müssen unnötig leiden! Frauenarzt 2016; 5: 442-3
[3] Buhling KJ et al. Attitude of German gynecologists towards prescribing HRT before and after the WHI study. Climacteric 2012; 15: 326-31
[4] Buhling KJ et al. Use of hormone therapy by female gynecologists and female partners of male gynecologists in Germany 8 years after the Women's Health Initiative study: results of a survey. Menopause 2012; 19: 1088-91


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