Erhöhtes Suizidrisiko durch hormonelle Kontrazeptiva – Fakt oder Fiktion?

Dass hormonelle Kontrazeptiva (HK) die Stimmung negativ beeinflussen können, ist bereits seit längerer Zeit bekannt. [1,2] Nun scheint eine große dänische Registerstudie diese Aussage zu bekräftigen, sogar von einem deutlich erhöhten Suizidrisiko ist die Rede. [3] Die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) und das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) handelten prompt, doch immer mehr Experten äußern ernsthafte Zweifel an der Aussagekraft der Studiendaten.


Depressionen und Suizid durch hormonelle Kontrazeptiva

Bereits 2016 hatte eine dänische Studie Hinweise geliefert, dass HK depressive Verstimmungen auslösen können. Diese Beobachtung zeigte sich sowohl bei kombinierten oralen Kontrazeptiva (KOK) und Gestagenpillen als auch bei nicht oralen Verhütungsmitteln wie Hormonspirale, Dreimonatsspritze, Verhütungspflaster, Implantat oder Vaginalring. [2] Die Ergebnisse der aktuellen Registerstudie deuten darauf hin, dass die Anwendung hormoneller Verhütungsmittel darüber hinaus auch mit einem erhöhten Selbstmordrisiko einhergehen kann. [3] Im Rahmen der Studie hatten Wissenschaftler über einen Beobachtungszeitraum von 8,3 Jahren die Daten von rund 0,5 Millionen dänischen Frauen im Alter von 15 bis 33 Jahren ausgewertet. Den Ergebnissen zufolge war die Einnahme eines HK mit einem etwa doppelt so hohen Risiko für Suizidversuche (relatives Risiko [RR] 1,97; 95%-KI: 1,85–2,10) sowie einem etwa dreifach erhöhten Suizidrisiko (RR 3,08; 95%-KI: 1,34–7,08) assoziiert. Besonders betroffen waren Teenager im Alter von 15 bis 19 Jahren, hauptsächlich innerhalb des ersten Anwendungsjahres. [3]

BfArM reagiert mit Warnhinweis, Experten hingegen äußern Kritik

Grund genug für das BfArM, gemäß den Empfehlungen der EMA einen verpflichtenden Warnhinweis auf Beipackzetteln und Fachinformationen aller hormonellen Kontrazeptiva einzuführen. [4] Doch Experten reagieren skeptisch und bemängeln erhebliche Schwächen im Studiendesign. So kritisiert Prof. Dr. med. Joseph Neulen, Klinikdirektor an der Klinik für Gynäkologische Endokrinologie und Reproduktionsmedizin des Uniklinikums Aachen und Mitglied des Berufsverbandes der Frauenärzte (BVF), dass die Lebensumstände der Studienteilnehmerinnen bei der Datenauswertung nicht berücksichtigt worden seien. [5] Er nannte als Beispiel die erste Partnerschaft bei sehr jungen Frauen: Wenn eine solche Partnerschaft zerbreche, würde die Welt noch eher untergehen, als wenn man reifer sei und wisse, dass das Leben auch danach noch weitergehe. Das Risiko einer Depression sei daher im erstgenannten Fall höher. [5]

Auch Fachgesellschaften verweisen auf erhebliche Studienmängel

Prof. Dr. med. Christian Albring, Präsident des BVF, und Prof. Dr. med. Anton Scharl, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG), gemeinsame Präsidenten des German Board and College of Obstetrics and Gynecology (GBCOG), äußerten sich in einer Pressemitteilung ebenfalls negativ zu den beiden dänischen Studien: Diese hätten so erhebliche methodische Fehler, dass sie wertlos seien. [6] Wichtige Kritikpunkte waren u. a.: [6]

  • In beiden Fällen wurden die Daten lediglich aus Bevölkerungs- und Gesundheitsregistern verwendet, ärztliche Diagnosen wurden jedoch nicht in die Studie einbezogen.
  • Es ist davon auszugehen, dass bei Frauen, die sich nicht regelmäßig bei einem Arzt vorstellen, viel zu selten die Diagnose „Depressive Erkrankung“ gestellt wird. Während hormonelle Verhütungsmittel verschreibungspflichtig sind und regelmäßige Kontrolluntersuchungen erfordern, herrscht über die Häufigkeit von Arztbesuchen von Frauen in der Kontrollgruppe der ersten dänischen Studie vollkommene Unklarheit – und somit auch über die Wahrscheinlichkeit, mit der eine Depression in dieser Gruppe überhaupt festgestellt worden wäre.
  • Wenn HK depressive Symptome oder das Suizidrisiko verstärken, sollte dieser Effekt sowohl von der Hormondosis als auch von der Wahl des Östrogens und Gestagens abhängig sein. Dies war in den dänischen Registerstudien jedoch nicht der Fall. Es kann somit nicht ausgeschlossen werden, dass anstelle eines kausalen Zusammenhangs lediglich ein zeitlicher Bezug zwischen hormoneller Verhütung und Depressivität bzw. Suizidalität besteht.
  • In beiden Studien wird außer Acht gelassen, dass die Verwendung eines HK für viele junge Mädchen und Frauen einen erheblichen Einschnitt ins Leben sowie den Eintritt in einen konfliktreichen Lebensabschnitt darstellen kann.
  • Suizidversuche bei Jugendlichen gehen fast immer auf eine Krisensituation zurück, wie zum Beispiel die Trennung der Eltern, Drogen, Gewalt oder sexuellen Missbrauch. Die aktuelle dänische Studie [3] ist jedoch nach Einschätzung des GBCOG nicht in der Lage, zwischen solchen Krisensituationen und hormoneller Verhütung als Auslöser eines Suizids zu differenzieren.

Welche Konsequenzen ergeben sich aus den dänischen Studien?

Ebenso wie die Experten schlussfolgert auch die EMA, dass aufgrund der Limitierung der verfügbaren Daten kein eindeutiger Kausalzusammenhang zwischen HK-Einnahme und Suizidalität ermittelt werden konnte. [1] Zudem wurden bereits mehrere andere Studien zu diesem Thema veröffentlicht [7-11], lediglich eine davon zeigte eine Assoziation zwischen HK und Suizidrisiko [7].

Unumstritten ist hingegen, dass die Anwendung hormoneller Verhütungsmittel zu depressiven Verstimmungen und Depressionen führen kann. [1] Da diese potenziell schwerwiegend sein können, ist es wichtig, dass behandelnde Ärzte Ihre Patientinnen adäquat über die möglichen Risiken aufklären. [1] Dabei geht es laut Maik Pommer, Sprecher des BfArM, nicht darum die Frauen zu verunsichern, sondern Anwenderinnen für die möglichen Risiken zu sensibilisieren, ebenso wie dies beispielsweise im Hinblick auf die Gefahr von Thrombosen oder die Möglichkeit einer verminderten Libido geschieht. [5] Auch Neulen bestätigt: „Deshalb sollten Frauen auch einen Arzt aufsuchen, wenn sie Stimmungsänderungen oder andere Symptome an sich bemerken.“ Auf diese Weise kann bei Bedarf eine alternative, ebenso zuverlässige Art der Kontrazeption gefunden werden. [6] Angst haben müssen Frauen laut Neulen wegen der dänischen Studie jedoch nicht. [5]

Fazit

Der aktuelle Stand zum Thema Suizid durch HK lässt sich wie folgt zusammenfassen:

  • Daten aus zwei dänischen Registerstudien weisen auf ein erhöhtes Risiko für Depressionen, Suizid und Suizidversuche durch HK hin. [2,3]
  • Obwohl die Möglichkeit depressiver Verstimmungen durch HK als erwiesen gilt, bestehen an den beiden dänischen Studien erhebliche methodische Zweifel. [5,6]
  • Das BfArM hat wegen der potenziell schwerwiegenden Folgen depressiver Verstimmungen einen verpflichtenden Warnhinweis in Packungsbeilagen und Fachinformationen entsprechender Präparate eingeführt. Jedoch weisen sowohl EMA als auch deutsche Fachgesellschaften und Experten darauf hin, dass aufgrund der limitierten Aussagekraft der Daten kein eindeutiger kausaler Zusammenhang zwischen HK-Einnahme und erhöhter Suizidalität hergestellt werden kann. [1,4,5,6]
  • Dennoch sind behandelnde Ärzte in der Verantwortung, ihre Patientinnen auf die möglichen Risiken hinzuweisen und für das Thema zu sensibilisieren. [1]
  • Im Falle von Stimmungsänderungen unter HK-Einnahme sollten Frauen Rücksprache mit ihrem Frauenarzt halten, damit eine alternative Verhütungsmethode gefunden werden kann. [1,5,6]

 

Referenzen

[1] BfArM (2019). Rote-Hand-Brief zu hormonellen Kontrazeptiva: Neuer Warnhinweis zu Suizidalität als mögliche Folge einer Depression unter der Anwendung hormoneller Kontrazeptiva. https://www.bfarm.de/SharedDocs/Risikoinformationen/Pharmakovigilanz/DE/RHB/2019/rhb-hormonelle-kontrazeptiva.pdf?__blob=publicationFile&v=4 Abruf: 08.08.2019.

[2] Skovlund, C.W. et al. (2016). Association of Hormonal Contraception With Depression. JAMA Psychiatry. 73(11), pp 1154-62.

[3] Skovlund, C.W. et al. (2018). Association of Hormonal Contraception With Suicide Attempts and Suicides. Am J Psychiatry. 175(4), pp 336-42.

[4] BfArM (2018). Suizidalität als mögliche Folge einer Depression unter der Anwendung hormoneller Kontrazeptiva. https://www.bfarm.de/SharedDocs/Risikoinformationen/Pharmakovigilanz/DE/RI/2018/RI-hormonelle-kontrazeptiva.html Abruf: 08.08.2019.

[5] MDR aktuell Nachrichten (2019). Macht die Anti-Baby-Pille depressiv? https://www.mdr.de/nachrichten/vermischtes/antibabypille-verhuetung-depression-nebenwirkungen-hormone-100.html Abruf: 08.08.2019.

[6] Berufsverband der Frauenärzte e.V., et al. (2019). Selbstmord durch Pille – das ist falsch. https://idw-online.de/de/news709589 Abruf: 08.02.2019.

[7] Vessery, M.P. et al. (1989). Mortality among oral contraceptive users: 20 year follow up of women in a cohort study. BMJ. 299, pp 1487-91.

[8] Beral, V. et al. (1999). Mortality associated with oral contraceptive use: 25 year follow up of cohort of 46 000 women from Royal College of General Practitioners’ oral contraception study. BMJ. 318, pp 96-100.

[9] Colditz, C.A. et al. (1994). Oral Contraceptive Use and Mortality during 12 Years of Follow-Up: The Nurses' Health Study. Ann Intern Med. 120, pp 821-26.

[10] Hannaford, P.C. et al. (2010). Mortality among contraceptive pill users: cohort evidence from Royal College of General Practitioners’ Oral Contraception Study. BMJ. 340, pp c927.

[11] Charlton, B. et al. (2014). Oral contraceptive use and mortality after 36 years of follow-up in the Nurses’ Health Study: prospective cohort study. BMJ. 349, pp g6356.


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