Erhöht eine Testosterontherapie das Rezidivrisiko bei Patienten mit Prostatakarzinom?

Der Einsatz einer Testosterontherapie (testosterone replacement therapy = TRT) bei hypogonadalen Männern mit einem Prostatakarzinom (PCa) in der Vorgeschichte wird aufgrund der Androgenabhängigkeit der Tumorerkrankung kontrovers diskutiert. [1] Eine aktuelle Metaanalyse sowie Studiendaten, die erstmals 2019 auf dem Kongress der European Association of Urology (EAU) präsentiert wurden, zeigen, dass eine TRT das Rezidivrisiko bei als geheilt eingestuften PCa-Patienten nicht erhöht, sondern bei bestimmten Patientengruppen sogar senken kann. [1,2]


Kontroverse um Testosterontherapie bei Prostatakarzinom

Das PCa ist eine androgenabhängige Tumorerkrankung, die überwiegend ältere Männer betrifft. Das durchschnittliche Alter zum Zeitpunkt der Diagnose liegt bei etwa 68 Jahren. Schätzungsweise 20 bis 30 % der Betroffenen leiden an einem sekundären Hypogonadismus und können somit im Hinblick auf Sexualfunktion, Stimmung, anthropometrische Parameter (Körpermaße) und Lebensqualität von einer TRT profitieren. Allerdings wird der Einsatz von Testosteron bei Männern mit einem PCa in der Vorgeschichte aufgrund eines möglichen Rezidivrisikos immer noch gegensätzlich diskutiert. [1]

Aktuelle Metaanalyse bietet neue Diskussionsgrundlage

Die Ergebnisse mehrerer Studien weisen bereits darauf hin, dass eine TRT bei Patienten mit vorangegangenem lokalen PCa die Rezidivrate nicht erhöht. Allerdings handelte es sich überwiegend um kleinere Studien von kurzer Dauer und mit einer geringen Teilnehmerzahl. Im Juli 2019 wurden nun die Ergebnisse einer umfassenden Metaanalyse veröffentlicht. Diese hatte sich mit der Fragestellung befasst, ob eine TRT bei Patienten mit sekundärem Hypogonadismus, die nach lokaler Therapie eines nicht rezidivierten PCa als geheilt eingestuft worden waren, das Risiko eines Rückfalls erhöht. [1]

21 Studien mit 1.084 Patienten bieten umfassendes Datenmaterial

Insgesamt wurden in die Metaanalyse 21 im Zeitraum von 2004 bis 2018 veröffentlichte Studien eingeschlossen, davon 3 prospektive und 18 retrospektive Analysen, 11 Vollpublikationen bzw. 10 Meetingabstracts. Insgesamt umfasste die Auswertung Daten von 1.084 TRT-geeigneten PCa-Patienten, darunter auch Hochrisikopatienten mit einem Gleason-Score ≥ 8, die sich einer definitiven lokalen Therapie unterzogen hatten: Bei 733 der Patienten war eine radikale Prostatektomie (RP) durchgeführt worden, 351 waren mit anderen, nicht operativen Verfahren wie Strahlentherapie, Brachytherapie, Kryotherapie oder hochintensivem fokussiertem Ultraschall (HIFU) therapiert worden. In fünf Studien hatten die Patienten eine Kombination aus RP und einer anderen Behandlung erhalten. Ein biochemisches Rezidiv (BCR) wurde als PSA-Anstieg von ≥ 0,1 ng/ml (3 Studien), ≥ 0,2 ng/ml (4 Studien) oder ≥ 0,3 ng/ml (1 Studie) definiert. Bei Patienten mit vorausgegangener Strahlentherapie wurde ein zweimalig in Folge gemessener PSA-Anstieg um mehr als 2 ng gegenüber dem Nadir (Tiefstpunkt nach der Therapie) als BCR gewertet. [1] Limitationen der Metaanalyse ergeben sich den Autoren zufolge vor allen Dingen aus folgenden Umständen: [1]

  • Die Mehrheit der Studien war retrospektiv.
  • Nur in zwei Studien wurde die Sicherheit der TRT im Vergleich zu Kontrollen untersucht, in einer dieser Studien erfolgte der Vergleich mit eugonadalen PCa-Patienten.
  • Die BCR-Definition der Studien war uneinheitlich.
  • Es konnte keine Aussage getroffen werden, ob Unterschiede bezüglich der verwendeten TRT-Präparate bestanden.

Niedrige BCR-Raten bei allen Patienten

Die Analyse der gepoolten Daten ergab über die gesamte Patientenpopulation hinweg eine niedrige BCR-Rate von 0,01 (95%-Konfidenzintervall [KI]: 0,00–0,02) ohne signifikante Assoziation zwischen TRT und BCR. Eine Subgruppenanalyse hinsichtlich der vorausgegangenen PCa-Therapie (operativ vs. nicht operativ) zeigte für nicht operativ behandelte Patienten eine geringfügig höhere BCR-Rate (0,02; 95%-KI: 0,00–0,04) als für Patienten mit einer radikalen Prostatektomie (0,00; 95%-KI: 0,00–0,02). [1]

Wirksamkeit der TRT

In insgesamt 4 Studien wurden die Gesamttestosteron-Spiegel nach der TRT kontrolliert und die Wirksamkeit der TRT mittels validierter Fragebögen evaluiert. Es zeigte sich, dass sich die Besserung der Testosteronmangel-Symptomatik in einem Anstieg des Gesamttestosterons widerspiegelte. Im Mittel wurden Gesamttestosteron-Spiegel von 542 ng/dl (18,8 nmol/l) erreicht. Sofern in den Studien erfasst, wurden überwiegend transdermale Testosteron-Präparate für die TRT verwendet (n = 178), gefolgt von intramuskulären Injektionen (n = 45) und oralen Präparaten (n = 7). [1]

Kann eine TRT das PCa-Rezidivrisiko möglicherweise sogar verringern?

Vielversprechende Ergebnisse einer auf dem EAU-Kongress 2019 vorgestellten Untersuchung unterstützen die positiven Ergebnisse der Metaanalyse. Darüber hinaus legen sie nahe, dass eine TRT das Rezidivrisiko bei Niedrigrisiko-PCa-Patienten sogar senken und – im Falle eines Rezidivs – dessen Auftreten hinauszögern und somit die Tumorprogression verlangsamen kann. [2]

Im Rahmen der an der University of California, Irvine durchgeführten Studie, die ein Gesamtkollektiv von 834 Patienten umfasste, hatten 152 ausgewählte hypogonadale Niedrigrisiko-PCa-Patienten nach einer primären RP zur Wiederherstellung der Sexualfunktion eine TRT erhalten. Nach einer medianen Nachbeobachtungszeit von 3,1 Jahren post-RP wurde bei 5 % der TRT-Patienten eine BCR festgestellt, in der Gruppe ohne TRT betrug der Anteil der PSA-Rezidive zu diesem Zeitpunkt 15 %. Eine sekundäre Analyse zeigte darüber hinaus, dass sich die Zeitspanne bis zum BCR in der TRT-Gruppe im Median um 1,5 Jahre verlängerte (p = 0,005). In einer multivariaten Analyse erwies sich die TRT als unabhängiger Prädiktor für ein niedriges BCR-Risiko (Odds Ratio: 0,54: p = 0,049). [2]

Das empfehlen die Leitlinien

Im Einklang mit diesen Ergebnissen empfiehlt die aktuelle EAU-Leitlinie zum männlichen Hypogonadismus: „Symptomatische hypogonadale Männer, die bereits wegen eines lokal begrenzten PCa chirurgisch behandelt wurden und gegenwärtig ohne Evidenz für eine aktive Erkrankung sind (z. B. messbares PSA, anormale Rektaluntersuchung, Nachweis von Knochen-/Viszeralmetastasen), können mit Bedacht für eine TRT in Betracht gezogen werden“. Dabei sollte die Therapie frühestens nach einem Jahr post-OP eingeleitet werden. [3] Laut Expertenkonsens in der Leitlinie zur Früherkennung, Diagnose und Therapie des Prostatakarzinoms „kann eine Testosteronsubstitution nach kurativer Therapie eines PCa-Patienten mit Zeichen von Hypogonadismus die Lebensqualität verbessern“. [4]

Fazit

Das Thema Rezidivrisiko beim Prostatakarzinom nach TRT kann wie folgt zusammengefasst werden:

  • Eine TRT nach endgültiger lokaler Therapie scheint gemäß einer aktuellen Metaanalyse die BCR-Rate von PCa-Patienten nicht zu erhöhen. [1]
  • Bei Niedrigrisiko-PCa-Patienten kam es nach RP sogar zu weniger BCR, wenn sie im Anschluss eine TRT erhielten (5 % vs. 15 % mit bzw. ohne TRT nach 3,1 Jahren). [2]
  • Aufgrund fehlender prospektiver randomisierter Studiendaten sollten alle Patienten vor Beginn einer TRT über mögliche unerwünschte Nebenwirkungen, und damit auch das Risiko einer Tumorprogression, informiert werden. [1]
  • Es sind weitere Studien erforderlich, um eine genauere Aussage zur onkologischen Sicherheit einer TRT bei hypogonadalen Patienten und PCa in der Vorgeschichte treffen zu können. [1]

 

Referenzen

[1] Kardoust Parizi M, Abufaraj M, Fajkovic H et al. Oncological safety of testosterone replacement therapy in prostate cancer survivors after definitive local therapy: A systematic literature review and meta-analysis. Urol Oncol. 2019; 37(10): 637-646.
[2] Ahlering T et al. Testosterone slows prostate cancer recurrence in low-risk patients. Postersession im Rahmen des EAU-Kongresses in Barcelona, 14.-19. März 2019, Abstract Nr. 646.
[3] Dohle GR, Arver S, Bettocchi TH et al. Guidelines on male hypogonadism. European Association of Urology 2018. Online unter: https://uroweb.org/guideline/male-hypogonadism/. Letzter Zugriff: 20.01.2020.
[4] Interdisziplinäre Leitlinie der Qualität S3 zur Früherkennung, Diagnose und Therapie der verschiedenen Stadien des Prostatakarzinoms. Version 5.1. Stand: Mai 2019. AWMF-Registernummer: 043/022OL. Online unter: https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/043-022OLl_S3_Prostatakarzinom_2019-06.pdf. Letzter Zugriff: 20.01.2020.


Herzlich Willkommen

In unserem Hormonspezialisten-Portal finden Sie Infos und Services, die speziell für Ärzte entwickelt wurden.

Sie sind kein Arzt?
Entdecken Sie unsere Patiententseiten!

 

 

Entdecken Sie unsere Informations- und Fortbildungsplattform

Als Arzt sind Sie hier genau richtig, denn Hormonspezialisten ist Ihr Expertenportal rund um das Thema Sexualhormone mit interaktivem Experten-Board. Entdecken Sie unser umfangreiches Angebot oder melden Sie sich für weitere Services direkt per DocCheck Login an.

 

Nutzen Sie unsere weiteren Angebote


Das Portal für Männergesundheit

Alles zum Thema Wechseljahre