Bioidentische Hormone: Risikominimierung bei der Hormonersatztherapie

Zahlreiche Beobachtungsstudien weisen darauf hin, dass sich das Risiko einer Hormonersatztherapie mithilfe bioidentischer Hormone minimieren lässt. [1] Eine besondere Stellung nimmt vor allem die Kombinationstherapie mit transdermalem Estradiol und mikronisiertem Progesteron ein. [2] Die gute endometriale Effektivität von Progesteron wurde dabei erst kürzlich durch die REPLENISH-Studie bestätigt. [3] Vorsicht ist hingegen bei individuellen, in der Apotheke hergestellten Hormonrezepturen geboten.


Hormonersatztherapie: weniger Beschwerden, mehr Lebensqualität

Klimakterische Beschwerden wie Hitzewallungen, Schweißausbrüche, Schlafstörungen oder Stimmungsschwankungen stellen für viele betroffene Frauen eine erhebliche Belastung dar und können die Lebensqualität nachhaltig beeinträchtigen. [4] Durch eine Hormonersatztherapie (HRT) lassen sich die unangenehmen Begleiterscheinungen wirksam lindern und das Risiko bestimmter chronischer Erkrankungen, wie zum Beispiel Osteoporose oder Diabetes, senken. [5,6,7] Insbesondere bei vasomotorischen Symptomen gilt die HRT als die wirksamste Behandlungsform für peri- und postmenopausale Frauen. [8,9,10]

Risikominimierung durch bioidentische Hormone

Nachdem die HRT ab dem Jahr 2002 aufgrund einer WHI-Studie [11,12] nachhaltig in Verruf geriet, die der Therapie schwerwiegende Nebenwirkungen attestierte, lassen neuere Erkenntnisse die Behandlung wieder in einem wesentlich günstigeren Licht erscheinen [4,13]. Gerade bei einem frühen Therapiebeginn vor dem 60. Lebensjahr bzw. weniger als 10 Jahre nach der Menopause ist in den meisten Fällen davon auszugehen, dass der Nutzen der HRT die Risiken überwiegt. [10] Zudem haben in der Zwischenzeit zahlreiche Beobachtungsstudien überzeugende Hinweise geliefert, dass sich durch die Anwendung bioidentischer Hormone die mit einer HRT verbundenen gesundheitlichen Risiken noch weiter minimieren lassen. [1,2]

Was sind bioidentische Hormone?

Bioidentische Hormone sind Hormone, die aus Pflanzen gewonnen werden und die mit den entsprechenden menschlichen Hormonen strukturell identisch sind. Der entscheidende Aspekt ist hierbei die strukturelle Übereinstimmung, denn die natürliche Herkunft aus pflanzlichen Quellen wie der Yamswurzel oder Soja ist im Gegensatz dazu auch vielen anderen Hormonen gemein, wie zum Beispiel dem Ethinylestradiol der oralen Kontrazeptiva, und somit kein Alleinstellungsmerkmal bioidentischer Hormone.

Diese Vorteile bietet die bioidentische Hormontherapie

Bei der Behandlung klimakterischer Beschwerden mit bioidentischen Hormonen kommt vor allem der Kombination aus transdermalem Estradiol und natürlichem Progestern als einziger echter bioidentischer HRT eine Sonderstellung zu [2]. Die Therapie bietet ihren Anwenderinnen in Bezug auf die gesundheitlichen Risiken einer HRT zahlreiche Vorteile:

  • Niedrigeres Brustkrebsrisiko unter natürlichem Progesteron im Vergleich zu synthetischen Gestagenen. [14,15,16]
  • Kein erhöhtes Schlaganfallrisiko unter niedrig dosiertem, transdermalem Estradiol. [17,18,19]
  • Kein erhöhtes Risiko für venöse Thromboembolien unter transdermaler Estradiol-Anwendung im Vergleich zur oralen Gabe. [20,21]
  • Mutmaßlich niedrigeres Risiko für Gallenwegserkrankungen mit transdermalem Estradiol. [22]

REPLENISH-Studie: hohe endometriale Effektivität von Progesteron

Die zusätzliche Einnahme eines Gestagens im Rahmen der HRT ist zum Schutz des Endometriums unerlässlich, da eine Vielzahl von Studien unter Langzeit-Östrogenmonotherapie ein acht- bis zehnfach erhöhtes Risiko für Endometriumkarzinome gezeigt haben. [4,23] Die Effektivität von natürlichem Progesteron im Rahmen der bioidentischen HRT wurde dabei erst kürzlich durch die Ergebnisse der REPLENISH-Studie bestätigt. [3] In der randomisierten, doppelblinden Phase-III-Studie wurde bei 1.835 nicht hysterektomierten Frauen im Alter von 40 und 65 Jahren die orale Kombination von Estradiol und Progesteron in vier verschiedenen Tagesdosen (1/100 mg; 0,5/100 mg, 0,5/50 mg, 0,25/50 mg) mit Placebo verglichen. Die Frauen litten unter mäßigen bis starken vasomotorischen Beschwerden. Innerhalb eines Zeitraums von 12 Monaten wurde bei keiner der Studienteilnehmerinnen – weder in der Placebo- noch in der Verumgruppe – eine endometriale Hyperplasie festgestellt. Progesteron ist somit auch bei kontinuierlicher Gabe bei niedriger Estrogendosierung endometrial effektiv. [3]

Vorsicht bei individuellen Hormonrezepturen

Zu den bioidentischen Hormonpräparaten zählen neben behördlich zugelassenen und regulierten Arzneimitteln auch Präparate, die auf Basis einer individuellen Rezeptur von Apotheken hergestellt werden. Bei der Verschreibung solcher Präparate ist jedoch Vorsicht geboten: Im Gegensatz zu zugelassenen Präparaten ist die Herstellung dieser Hormonrezepturen weder standardisiert noch kontrolliert. Ebenso fehlen klinische Studien zur Wirksamkeit und Unbedenklichkeit. Aufgrund der variablen Bioverfügbarkeit und Bioaktivität besteht das Risiko einer Über- und Unterdosierung. [24] Fachgesellschaften raten deshalb einheitlich vom Einsatz entsprechender Präparate ohne zwingende Indikation ab. [25,26,27]

Fazit

Der aktuelle Stand zum Thema bioidentische Hormonersatztherapie lässt sich wie folgt zusammenfassen:

  • Klimakterische Beschwerden lassen sich durch eine HRT wirksam lindern. [5,6,7]
  • Bei frühem Therapiebeginn ist in der Regel davon auszugehen, dass der Nutzen der HRT-Therapie die Risiken überwiegt. [10]
  • Bioidentische Hormone bieten zahlreichen Beobachtungstudien zufolge das Potenzial für eine zusätzliche Risikominimierung. [1,2]
  • Insbesondere die Kombinationstherapie mit transdermalem Estradiol und mikronisiertem Progesteron bietet den Anwenderinnen als einzige echte bioidentische HRT zahlreiche Vorteile. Hierzu zählen z. B. ein niedrigeres Brustkrebsrisiko im Vergleich zu synthetischen Gestagenen [14,15,16] sowie kein erhöhtes Risiko für Schlaganfälle [17,18,19], Thromboembolien [20,21] und – mutmaßlich – Gallenwegserkrankungen [22] unter niedrig dosiertem Estradiol.
  • Vorsicht ist geboten bei der Verschreibung individueller Hormonrezepturen, die in einer Apotheke angemischt werden: Die Herstellung ist weder kontrolliert noch standardisiert, klinische Studien zur Wirksamkeit und Unbedenklichkeit fehlen und es besteht ein Risiko der Über- oder Unterdosierung. [24] Fachgesellschaften raten deshalb einheitlich von individuellen Hormonrezepturen ohne zwingende Indikation ab. [25,26,27]

Referenzen

[1] L’Hermite, M. (2017). Bioidentical menopausal hormone therapy: registered hormones (non-oral estradiol ± progesterone) are optimal. Climacteric. 20(4), pp 331-38.
[2] Mueck, A.O. et al. (2017). Transdermal estradiol and progesterone: The only bioidentical HRT, discussed at the NAMS 2016 annual meeting. Gynäkologische Endokrinologie. 15, pp 65-72.
[3] Lobo, R.A. et al. (2018). A 17β-estradiol-progesterone oral capsule for vasomotor symptoms in postmenopausal women. A randomized controlled trial. 132(1), pp 161-70.
[4] Schaudig, K. et al. (2018). Hormonersatztherapie – doch wieder unbedenklich? Hamburger Ärzteblatt. 3, pp 12-17.
[5] Dachverband Osteologie e.V. S3 Leitlinie zur Prophylaxe, Diagnostik und Therapie der Osteoporose bei postmenopausalen Frauen und bei Männern. AWMF-Register-Nr.: 183/001.
[6] Salpeter, S.R. et al. (2006). Meta-analysis: effect of hormone-replacement therapy on components of the metabolic syndrome in postmenopausal women. Diabetes Obes Metab. 8(5), pp 538-54.
[7] Mauvais-Jarvis, F. et al. (2017). Menopausal Hormone Therapy and Type 2 Diabetes Prevention: Evidence, Mechanisms, and Clinical Implications. Endocr Rev. 38(3), pp 173-188.
[8] Mueck, A. et al. (2015). Anwendungsempfehlung zur Hormonsubstitution in Klimakterium und Postmenopause. 56(8), pp 657-60.
[9] Grant, M.D. et al. (2015). Menopausal symptoms: comparative effectiveness of therapies. Rockville (MD): Agency for Healthcare Research and Quality (US). Online-Information. Verfügbar unter: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK285463/.
[10] The North American Menopause Society (2017). The 2017 hormone therapy position statement of the North American Menopause Society. Menopause. 24(7), pp 728-53.
[11] Rossouw, J.E. et al. (2002). Writing Group for the Women's Health Initiative Investigators. Risks and benefits of estrogen plus progestin in healthy postmenopausal women: principal results from the Women's Health Initiative randomized controlled trial. JAMA. 288(3), pp 321-33.
[12] Anderson, G.L. et al. (2004). Effects of conjugated equine estrogen in postmenopausal women with hysterectomy: the Women's Health Initiative randomized controlled trial. JAMA. 291(14), pp 1701-12.
[13] Manson, J.E. et al. (2016). Menopause Management – getting clinical care back on the track. N Engl J Med. 374(9), pp 803-6.
[14] Fournier, A. et al. (2014). Risk of breast cancer after stopping menopausal hormone therapy in the E3N cohort. Breast Cancer Res Treat. 145(2), pp 535-43.
[15] Cordina-Duverger, E. et al. (2013). Risk of breast cancer by type of menopausal hormone therapy: a case-control study among post-menopausal women in France. PLoS One. 8(11), pp e78016.
[16] Stute, P. et al. (2018). The impact of micronized progesterone on breast cancer risk: a systematic review. Climacteric. 21(2), pp 111-122.
[17] Canonico, M. et al. (2016). Postmenopausal Hormone Therapy and Risk of Stroke-Impact of the Route of Estrogen
Administration and Type of Progestogen. Stroke. 47(7), pp 1734-41.
[18] Renoux, C. et al. (2010). Transdermal and oral hormone replacement therapy and the risk of stroke: a nested case-control study. BMJ. 340, pp c2519.
[19] Lokkegard, E. et al. (2017). Risk of Stroke with Various Types of Menopausal Hormone Therapies A National Cohort Study. Stroke. 48(8), pp 2266-69.
[20] Mohammed, K. et al. (2015). Oral vs Transdermal Estrogen Therapy and Vascular Events: A Systematic Review and Meta-Analysis. J Clin Endocrinol Metab. 100(11), pp 4012-20.
[21] Scarabin, P.Y. (2018). Progestogens and venous thromboembolism in menopausal women: an updated oral versus transdermal estrogen meta-analysis. Climacteric. 21(4), pp 341-45.
[22] Liu, B. et al. (2008). Gallbladder disease and use of transdermal versus oral hormone replacement therapy in postmenopausal women: prospective cohort study. BMJ. 337, pp a386.
[23] Grady, D. et al. (1995). Hormone replacement therapy and endometrial cancer risk: a meta-analysis. Obstet Gynecol. 85(2), pp 304-13.
[24] American College of Obstetricians and Gynecologists Committee on Gynecologic Practice et al. (2012). Compounded bioidentical menopausal hormone therapy. Fertil Steril. 98(2), pp 308-12.
[25] NICE Guidelines (NG23). (2015). Menopause: diagnosis and management. https://www.nice.org.uk/guidance/ng23.
[26] BMS (2017). BMS statement on custom-compounded ‚bioidentical hormones‘. Post Reprod Health. 23(3), p 149.
[27] NAMS (2017). The 2017 hormone therapy position statement of The North American Menopause Society. Menopause. 25(11), pp 1362-87.


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